abc-Messe

Sommerstimmung auf der Art Week in Berlin

Die Zukunft der abc-Messe scheint ungewiss. Fiele das Herzstück der Art Week weg, wackelt der Herbsttermin. Ein erster Rundgang.

Poppiges Interieur:  Marta und Szymon im „Closet Nr.16“ von Kenny Scharf auf der abc in der Station Berlin

Poppiges Interieur: Marta und Szymon im „Closet Nr.16“ von Kenny Scharf auf der abc in der Station Berlin

Foto: Reto Klar

Sommerstimmung auf der Art Week. Kleingruppen und Schlangen vor den Türen, wahlweise mit Bierflaschen oder Sektgläsern in der Hand. Egal ob vor dem Hamburger Bahnhof, dem N.B.K. oder im Hof der Station am Gleisdreieck – Besucher und Kunstfans sind da. Hunderttausend zählte der Kunstherbst im vergangenen Jahr. In diesem Jahr werden es sicher nicht weniger sein. Großes Kino gab es zu Eröffnung – das Kino International mit dem Glitzervorhang bot eine tolle Kulisse. Galeristen, Künstler, Kulturmanagerin und Kuratoren tummelten sich dort am Dienstag.

An diesem Abend fehlten die Museumschefs, das fiel auf. Die Staatlichen Museen und der Kunstmarkt, zwei Sphären, die nicht unbedingt zusammenpassen. Doch für diese Kunstwoche, bitte, sollen sie einmal an einem Strang ziehen. Dafür sind der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Kulturstaatssekretär Tim Renner (beide SPD) kurz da, schon klar, Kultur und Wirtschaftssenat spendieren 280.000 Euro für das Marketing und das VIP-Programm der Dachmarke „Art Week“. Eine Summe, die nicht fest im Haushalt verankert ist. 50 Partner gehören dazu, da möchte man Optimismus verbreiten.

Bespielt wird nur noch eine Halle in der Station

Vielleicht wird an diesem Abend die Party so lang, weil man die Probleme, die es gibt, ganz einfach wegfeiern möchte. Die abc, Verkaufsausstellung und Herzstück des Kunstherbstes, mit der sich dieser Herbstevent nach dem Aus des Art Forums überhaupt erst entwickelte, hat sich einer Radikaldiät unterzogen. Ihre Zukunft im jetzigen Format scheint ungewiss, damit stünde auch der Kunstherbst als fester Termin auf wackeligen Füßen.

In den bewährten Räumen in der Station bespielt die abc (Art Berlin Contemporary) nur noch eine Halle. Statt der 105 Galerien im vergangenen Jahr treten 62 an. Weg vom Großformat setzen die Galeristen diesmal auf einen „kabinettartigen Salon“, auf Intimität, Konzentration, vor allem Qualität, begründet die Leiterin Maike Cruse die diesjährige Entscheidung. Nach der Schau würde man neu entscheiden, wie es mit dem Format weiterginge. Das 10. Jubiläum steht im nächsten Jahr an, das würde man auf jeden Fall noch feiern. Auch wenn das in diesen Tagen keiner so offen formuliert, die Wirtschaftlichkeit der Verkaufsausstellung, die partout keine Messe sein will, steht zur Disposition.

Und die Reduktion kam durchaus nicht bei allen gut an, es hätte Missstimmung gegeben, so Maike Cruse. Hinzu kommt, dass die Mietpreise für die Station heftig gestiegen sind. Als die abc hier anfing, war der Postbahnhof charmant schäbig, heute hat er sich zu einer der Eventlocation gemausert. Eine einzige Ausstellungswand kostet 6000 Euro, die schmalere Box 10.500 Euro, ein „Space“ mit drei Wänden immerhin 17.000 Euro.

Gut möglich also, dass in den eigenen Reihen das Interesse an diesem Ausstellungsformat gesunken ist. Die Kasse muss nach Abschluss der Austellung stimmen. Man hat viel ausprobiert in den letzten Jahren. Zumal das Gallery Weekend im Frühjahr der absatzstärkste Termin ist im Berliner Kalender der Galeristen. Dikum, das Institut für Kunst und Markt, prophezeit den „Niedergang der abc“ und geht davon aus, dass die Messe schon im nächsten Jahr nicht mehr stattfinden wird.

Die Gründe: sinkende Teilnehmerzahl, abnehmende Internationalität und das Missverhältnis, dass sich zwischen dem eigenen Beratergremium gegenüber externer Teilnehmer gebildet hätte. Das klingt nach Konkurrenz. Cai Wagner, der das Institut mitverantwortet, ist selber Galerist.

Doch wie sieht die abc denn nun in diesem Jahr aus? Ganz wie eine Messe, klar, ruhiger, mit starken Einzelpositionen gegliedert. Die Zeit der „experimentellen Baustelle Berlin“ ist definitiv vorbei. Einen großen Auftritt hat Spaßmacher Erwin Wurm, der neue Star bei König, mit seinem fliegenden, quietschorangenen VW-„Curry Bus“. Die Würstchen dazu gibt es als Skulptur nebenan. Eine Koje weiter bei Gebr. Lehmann zeigt Eberhard Havekost die Spannbreite seines malerischen Universums.

Bei Sprüth Magers sind vier Wände in Wasserblau getaucht, darin lässt Andreas Schulze seine abstrakten, kopflosen Sommergäste schwimmen. Kommunikation ist in diesem Jahr ein großes Thema. Der Berliner Künstler Markus Selg hat ein Smartphone in XXL aufgestellt, aus dem wüst die Flammen lodern. Despina Stokou, Jahrgang 1978, buchstabiert bei Eigen + Art in ihren Collagen die Emoticons durch – in ihren Augen das neue internationale Alphabet.

Draußen auf dem Hof vor dem Eingang steht eine jener großen schwarzen, rollbaren Mülltonnen. Rauch qualmt heraus. Hat da wieder jemand den Müll nicht ordentlich entsorgt? Gute Frage, der Künstler Fabian Knecht ist jedenfalls gerade verschwunden.

abc, Station Berlin, Luckenwalder Str. 4–6. Sa 12–19 Uhr, So 12–18 Uhr