Kultur

Deutschland mit Happy End

Kathrin Schmidts neuer Roman „Kapoks Schwestern“ erzählt, was zwei Familien über Jahrzehnte verbindet

In den 90er-Jahren konnte es einem Ostdeutschen passieren, dass er im Westen angesprochen wurde mit: „Ah, du bist Ostdeutscher! Sprichst Du dann dieses Ostdeutsch?“ Damit meinte der Westdeutsche selbstverständlich das Sächsische, diesen bis heute verpönten Dialekt, denn eine ostdeutsche Sprache, die gab es doch nicht. Der neue, ganz wunderbar verschachtelte Roman von Kathrin Schmidt aber beweist neben vielen anderen Dingen vor allem auch das: Es gibt einen ostdeutschen Umgang mit Wörtern, eine Selbstverständlichkeit von Russland und Polen in der deutschen Geschichte, inklusive deren Wörtern, deren Einfluss in westdeutschen Romanen bis heute selten vorkommen. Kathrin Schmidt aber schreibt von „Puterrot“ und „fuchsteufelswild“ und „käsenden“ Menschen, während ihre Protagonisten oft fließend russisch sprechen können.

Sich dem Dämon Vergangenheit stellen

Doch um all das zu erfahren, muss man in das Buch „Kapoks Schwestern“ eintauchen wollen. Das ist anstrengend, weil es mit einem vielfältigen Personal aufwartet. Im Kern aber geht es immer wieder um Werner Kapok, der als alter Mann zu Zeiten von Skype-Telefonie und Flüchtlingsdebatte noch einmal nach Hause kommt, in die Wohnung in Berlin-Mahlsdorf, ganz nah der ehemaligen Mauer. Er zieht zur Schwester Renate. Sein verlorener Sohn Henry taucht kurz auf, nur um den Vater in eine Krise zu stürzen. Gegenüber beobachten all das zuerst nur die „Schwestern“ aus dem Titel des Buches: Barbara und Claudia Schaechter. Die zwei „alten Tanten“ waren nie verheiratet und haben beide eine eigene Vergangenheit mit Werner. Und genau davon handelt das Buch: Sich der eigenen Vergangenheit, der unveränderlichen und zur „Geschichte“ gewordenen – sich diesem Dämon zu stellen.

Kathrin Schmidt aber reicht diese eine an sich schon spannende Ebene nicht aus. Von Kapitel zu Kapitel springt sie in den Zeiten: zur Generation der Eltern während des Mauerbaus, zu den Großeltern und deren Umfeld, die sich noch auf den Weg machen mussten nach Polen und Russland und schließlich sogar in die Zeit um 1914, als durch einen Mord auf offener Straße der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde. Der Leser ist noch einmal dabei, wird in die Wirren um den Schuss auf Erzherzog Franz Ferdinand hineingezogen — nur um eine Seite später wieder in der Plattenbausiedlung in dem Berliner Umland ausgespuckt zu werden, in die Welt der Kapoks und Schaechters, die nach Liebe suchen und nach Vergebung.

Und vor allem in den Kapiteln, die im Heute spielen, fällt es auf, wie Kathrin Schmidt ihr Sprachgefühl ausspielt, um fast alarmierend die Zustände in der Hellersdorfer Gegend von heute zu beschreiben. Die Wucht ihrer Worte erinnern in solchen Momenten an den autobiografischen Roman „Du stirbst nicht“, in dem sie ebenfalls sehr nüchtern ihre Heimat beschrieb. Letztlich verdiente sie auch dafür 2009 den Deutschen Buchpreis. Sie liebt und hasst die Gegend, in der sie selbst noch immer lebt. In Kapoks Schwestern schreibt sie von „tätowierten Schwachköpfen mit Bierdosen im Beutel“ oder von „blondierten Unschönheiten mit pink oder türkis getönten Strähnen und Fingernägeln“. Auf den Straßen sieht sie „Schnapsflaschen mit Frauen und Männern um den Hals“ und „blasse Kinder ohne Frisur, viele von ihnen fett zu nennen.“

Von Kapitel zu Kapitel springt sie in den Zeiten

Doch diese Zustände – und auch das wird deutlich – sind das Ergebnis vieler Fehlentwicklungen, die sich über Jahrzehnte angekündigt haben. Die verschiedenen Epochen in diesem Roman beziehen sich aufeinander wie Oktaven auf einer Klaviertastatur. Dieser Eindruck entsteht nicht nur, weil es immer wieder um diese beiden Familien geht, die Schaechters und die Kapoks. Das hat mit dem gesamten Umfeld dieser Personen zu tun, denn im Grunde verhandeln diese Kinder, diese alten Tanten und die lüsternen Jugendlichen in verschiedenen Jahrzehnten die großen Fragen der deutschen Geschichte. Der Leser weiß nur, dass sie alle überleben und Kinder zeugen, weil sonst Barbara, Claudia, Werner und Renate nicht vereint an einem Tisch sitzen könnten. Sie sind das Erbe des Ersten und des Zweiten Weltkrieges – den sie aufgrund ihrer jüdischen Verwandtschaft nur knapp erlebt haben.

Kathrin Schmidt findet für diese Situation ein Bild: Als die vier miteinander reden, sitzen auf deren Schoß ihre Eltern. Sie sind da und schauen stumm zu, wie die Kinder des Unrechtssystems mit ihrem DDR-Erbe umgehen. Das ist auch das Kernthema, mit dem vor allem Kapok hadert, neben seiner ausufernden Libido als junger Mann: Liebt er Barbara oder Claudia? Kann er es schaffen, sich vor beiden so darzustellen, dass sie endlich verstehen, warum es für ihn keine andere Möglichkeit gab, als sich der Stasi anzuschließen? Bereuen oder rechtfertigen?

Sein langer Monolog, die große Rechtfertigung des traurigen Täters, man möchte ihn in einem Theater hören, laut und doch wissend, dass ihm in dieser Runde nicht verziehen wird: „Marxismus ist mitnichten gechlorte Kacke.“

Kathrin Schmidt schreibt zwar eine Geschichte mit Happy End, in der sogar Flüchtlinge eine neue Heimat finden und geheiratet wird, aber selbst das größte Glück würde sie mit ihrer Sprache nur mit Daumen und Zeigefinger anfassen, weil man es so vorsichtig behandeln muss. So nennt sie einen Blick nicht „düster“, sondern Kathrin Schmidt schreibt: „Ihr Blick ist als bewölkt zu bezeichnen. Wie der Himmel der oben thront und von allem nichts weiß.“