Kultur

Idylle gegen Trauma

J. L. Carrs „Ein Monat auf dem Land“ lässt einen heilsamen Sommer verstreichen

„Eine nette, unterhaltsame Geschichte […] ein ländliches Idyll“ schwebte dem britischen Schriftsteller Joseph Lloyd Carr (1912–1994), kurz J. L. Carr, für seinen Roman „Ein Monat auf dem Land“ vor. Er wurde 1980 veröffentlicht und noch im selben Jahr für den Man Booker Preis nominiert. Mittlerweile gilt er als moderner Klassiker der Englischen Literatur und im Juli erschien er bei DuMont zum ersten Mal auf Deutsch.

Man könnte sagen, Carr hat seine Vorstellung gut zu Papier gebracht. Man könnte es aber auch verneinen, denn: „[…] was ist mit Tom Birkin – mit seinen zerbombten Nerven, dem die Frau davongelaufen und der völlig ausgebrannt ist?“ Der Protagonist hat Schreckliches durchlebt. Es ist ein früher Sommertag im Jahr 1920, als Tom Birkin das kleine Dorf Oxgodby erreicht. Carr ließ die Geschichte in seiner Heimat spielen, im Vale of Mombray, einem Tal in North Yorkshire. Sie wird aus Birkins Sicht erzählt, jedoch Jahrzehnte später. Er blickt als alter Mann darauf zurück. Der junge Birkin, gerade Anfang 20, stottert und hat nervöse Gesichtszuckungen. Er ist keiner dieser Männer, die nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt sind. Dennoch wurde er von seiner Frau verlassen. Nun sollen in der ländlichen Abgeschiedenheit seine Wunden heilen. „Oxgodby war eine andere Welt: musste es sein.“ Er, der vor dem Krieg am London College of Arts war, soll als Restaurator das Wandgemälde der örtlichen Kirche freilegen. Ihre Dachkammer wird sein Quartier. Bald lernt er den Archäologen Moon kennen, ebenfalls Veteran, ein Verbündeter. Auch er wird den Sommer über bleiben. Nach und nach füllt sich die Geschichte mit den Einwohnern von Oxgodby. Kathy Ellerbeck, die aufgeweckte, 14-jährige Tochter des Bahnstationsvorstehers platzt zuerst in Birkins Alltag. Er isst fortan bei den Ellerbecks zu Abend und hilft in der Sonntagsschule aus. Er integriert sich, kommt zur Ruhe. „Das Wunderbare war indes, dass ich in dieser Oase des Friedens gelandet war […] Das war es, was ich brauchte […] einen Neuanfang, und hinterher würde ich vielleicht kein allzu Versehrter mehr sein.“

Die Tage ziehen ins Land und es geschieht nicht viel, das wird aber auch nicht erwartet. Man verliert sich genügsam in den kapitellosen Seiten, denn der Roman ist nie eintönig, was ihn bei derart einfacher Handlung besonders macht. Die Wirkung, die dieser Sommer auf den Protagonisten hat, kommt zum Ausdruck: friedvoll ist er. Und man lässt sich von der friedvollen Stimmung anstecken. „Und so ging es dort oben auf meinem Gerüst Tag für Tag voran, während ich auf den Knien hin- und herrutschte oder auf den Fersen kauerte oder mich auf die Zehenspitzen reckte.“ Ebenso, wie Birkin das Wandgemälde entblättert und der Kirche neuen Glanz verleiht, offenbart auch er sich. Schicht für Schicht kommt seine Geschichte zum Vorschein und sein Leben erhält einen neue Bedeutung. Überhaupt wieder Bedeutung. Durch die hübsche Alice Keach nähert er sich der Liebe wieder an. Und er schöpft neue Kraft aus seiner Arbeit. „Ich war geradezu besessen davon, dieses apokalyptische Gemälde […] zu neuem Leben zu erwecken […] wie jedes große Meisterwerk erschlug es den Betrachter in seiner Gesamtheit, ehe es ihn mit den Einzelheiten entzückte.“

Der Roman schleicht dahin wie ein lauer Sommertag. Er ist schwerfällig und warmherzig und man hegt den Wunsch, dass er niemals enden soll. So geht es auch Birkin: „[…] ich war beseelt vom Gefühl unendlicher Zufriedenheit und wünschte […] dass es immer so bleibe, dass […] das Reifen des Sommers für immer andauerte […].“ Doch sein Aufenthalt in Oxgodby ist nicht von Dauer. Mit dem Abschuss seiner Arbeit rückt das Ende des Romans näher und es ist unbefriedigend und vollkommen zugleich. Man wünscht ihm einen Neuanfang, mit Mrs. Keach an seiner Seite, in Oxgodby oder an einem anderen, idyllischen Ort. Das Leben aber hat andere Pläne. „Nun, den meisten von uns bietet das Leben eine zweite Chance […].“ Und so ähneln die letzten Zeilen einem Blatt, das am Ende eines trägen Sommers langsam herabfällt und auf warmem Grund landet. Eine vollkommene, nette, unterhaltsame Geschichte ist das.