Kultur

Stürmischer Beginn

Vom Berliner Publikum begrüßt: Kirill Petrenko dirigiert nach seiner Wahl das erste Mal in der Philharmonie

Den Jubel am Ende muss man als Bekenntnisjubel verstehen. Kirill Petrenko wurde vom Berliner Publikum willkommen geheißen. Das Klassikereignis hat eine Weile auf sich warten lassen. Gut ein Jahr, nachdem der gebürtige Russe zum Chefdirigenten der Philharmoniker gewählt wurde, stand er jetzt erstmals am Pult in der Philharmonie. Allerdings vorm falschen Orchester – zumindest aus Berliner Sicht. Petrenko gastierte mit seinem Bayerischen Staatsorchester beim Musikfest Berlin.

Das Münchner Orchester wurde unter seiner Leitung als Generalmusikdirektor bereits zweimal bei Kritikerumfragen zum „Orchester des Jahres“ gewählt. Also hierzulande als das Beste der Besten. Der Titel ist in diesem Konzert nur schwer nachvollziehbar. Es wirft die Frage auf, was Petrenko an diesem Orchester findet, dass er erst verspätet 2019 zu den Philharmonikern wechselt? Und dann zunächst mit halber Kraft, denn er dirigiert die Münchner noch eine Saison weiter. Simon Rattle hingegen verlässt die Philharmoniker bereits 2018.

Die Frage, warum Petrenko wohl seinem Staatsorchester anhängt, statt schnellstmöglich zu einem Spitzenorchester wie die Philharmoniker zu wechseln, beantwortete sich am Mittwoch bei der Zugabe von Wagners „Meistersinger“-Ouvertüre, wenn unüberhörbar wird, dass Petrenko im Herzen ein Operndirigent ist. Er liebt das Überschäumende, das Energetische, bei Wagner geht es auffällig zügig zur Sache. Das Hausorchester der Münchner Staatsoper, sei beiläufig erwähnt, war 1862 das Uraufführungsorchester der „Meistersinger“.

Der neue Chef ist kein Selbstdarsteller am Pult

Am Pult zeigt sich Kirill Petrenko energiegeladen, leidenschaftlich, ja fast schon ein bisschen überschwänglich. Er ist ein Dirigent, der sich körperlich einbringt. Ein Hauch von Ausdruckstanz liegt in der philharmonischen Luft. Aber Petrenko ist alles andere als ein Selbstdarsteller am Pult, das Konzert lebt vom präzise agierenden Dirigenten, der offenbar klare Klangvorstellungen hat. Man schaut ihm gerne zu.

Zu Beginn ein Orchesterstück von György Ligeti. Die Klangflächen-Komposition „Lontano“ stammt aus dem Jahr 1967. Das war die Zeit, in der Captain Kirk begann, sein Raumschiff Enterprise durch unendliche Weiten zu führen. Kirk und Ligeti sind Parallelwelten. „Lontano“ beginnt in der Leere, Töne tauchen auf, überlagern oder ballen sich, ziehen vorbei und verklingen, es ist eine sehr sphärische Dunkelheit. Petrenko setzt mehr auf eine sehr technische Interpretation, lässt sein Orchester den Weg geradeaus nehmen. Feine Schwingungen, die zu Farbwechseln im Fluss führen, sind nicht vorgesehen. Es ist keine Abenteuerreise. Eindrucksvoll lässt Petrenko das Stück im Nichts enden. Das geschieht weniger im Musikalischen, als durch seine Körperspannung. Petrenkos Stabführung hat etwas Magisches.

Als Solokonzert steht Bela Bartoks erstes Violinkonzert auf dem Programm. Frank Peter Zimmermann stellt es feinsinnig nuanciert vor. Im ersten Satz gelingt ein zartes Dialogisieren voller Atem und Melancholie. Der zweite Satz lebt von Aberwitz und Witz, klingt aber nie derb. Zimmermann sieht sich gefeiert und verzaubert virtuos mit dem letzten Satz aus Bachs a-Moll-Sonate.

Nach der Pause folgt Richard Strauss’ Symphonia Domestica. Es ist die schönste Spielwiese für das Opernorchester. Die Münchner haben die Riesenform wunderbar im Griff. Wieder wählt Petrenko gern zügige Tempi, er hat ein großes Gespür für Höhepunkte. Die Eulenspiegeleien des Scherzos sind kontrastreich, übermütig, das Wiegenlied voller Wärme. Die Streichermelodien im Adagio haben die nötige Entrücktheit. Das Finale ist zugespitzt, manisch vorangetrieben, ja fast anarchisch. Das alles ist mitreißend. Was auf der Strecke bleibt ist die Klangbalance, das Klangsinnliche. Es ist etwas zu laut, zu grob. An diesem Abend will Petrenko überwältigen. Um jeden Preis. Das ist ihm gelungen.

Am 22. März 2017 kommt es dann zum Berliner Einstandskonzert des designierten Chefdirigenten. Das zweite Konzert tags darauf mit Mozarts „Haffner“-Sinfonie und Tschaikowskis „Pathétique“ wird live aus der Philharmonie in Kinos übertragen. Dann mit dem richtigen Orchester, aus Berliner Sicht.