Klassik Kritik

Gustavo Dudamel setzt auf Melodienseligkeit

Das Simón Bolívar Jugendorchester war zu Gast beim Musikfest Berlin. Man sah viele gesetzte Männer im Frack und kaum Frauen.

Der Dirigent Gustavo Dudamel

Der Dirigent Gustavo Dudamel

Foto: Getty Images / Hulton Archive/Getty Images

Gut besucht war beim Musikfest der Auftritt des Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela in der Philharmonie. Wofür das legendäre „Sistema“ mit dem Bolívar-Jugendorchester in der venezolanischen Tagespolitik steht, das kann man in Deutschland nur mutmaßen.

Nach wie vor stellt das „System“ auch den ärmsten Jugendlichen des Landes Musikinstrumente kostenlos zur Verfügung – diese Erfindung des venezolanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Musikers José Antonio Abreu aus dem Jahr 1975 hat international Vorbildcharakter, nicht erst seit dem kometenhaften Aufstieg des Dirigenten Gustavo Dudamel aus den Reihen des Orchesters. Das Bolívar-Orchester repräsentierte allerdings von Anfang an vor allem die Elite venezuelanischer Jungmusiker.

Fest in den Schultern

Auffällig ist die durchschnittliche Alterung des Dudamel-Orchesters samt seines Spiritus rector Dudamel. Von dem einstigen extrovertierten Musikdarsteller und Motivator ist selbst im Kontakt mit seinem Ur-Orchester wenig geblieben. Fest in den Schultern ist der lockige Taktschläger Dudamel zumindest von hinten kaum von einem deutschen Opernkapellmeister alter Zeit zu unterscheiden.

Seine Musiker spiegeln wohl die patriarchale Gesellschaftsstruktur des südamerikanischen Landes wieder: Man sieht viele gesetzte Männer mittleren Alters im Frack, einen ähnlich geringen Frauenanteil in Orchestern hatte man in Deutschland zuletzt in den 1980er-Jahren.

Mit großer Klangschönheit und Originalität werden allerdings die zweiten Bachianas Brasileiras von Heitor Villa-Lobos aus dem Jahr 1930 präsentiert. Abendländische Kunstmusik wird hier mit Anklängen an Karneval und Tanz durchsetzt, die abschließende Toccata ist eine tieftraurige Elegie, in welche Störgeräusche von Kastagnetten und Celesta einbrechen.

Unreflektierter Konservatismus

Die Celesta ist nach der Pause flankiert von einem Konzertflügel sowie weiteren Tasteninstrumenten einschließlich der elektrisch pfeifenden Ondes Martenot – das Lieblingsinstrument des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Für seine gigantisch besetzte Turangalîla-Sinfonie von 1948 setzt man diese Phalanx an originellen Tastenmaschinen normalerweise in die Mitte des Orchesters.

Es spricht leider für unreflektierten Konservatismus der Klangvorstellung, dass Dudamel den engagierten Star-Pianisten Jean-Yves Thibaudet und die Ondes-Martenot-Spielerin Cynthia Millar wie bei einem Solokonzert genau an die Rampe setzt. So wird lineare Melodienseligkeit vorgetäuscht, der opulente Klangreichtum von Messiaens Riesenorchester kommt so nicht ganz zur Geltung.