Theater Berlin

Peymann gibt sich als Schutzpatron des Berliner Ensembles

Zum Abschluss eine Groteske: Claus Peymann inszeniert sich als Retter der Beschäftigten des Berliner Ensembles.

Der scheidende Intendant des Berliner Ensemble, Claus Peymann

Der scheidende Intendant des Berliner Ensemble, Claus Peymann

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Auf der Einladung steht „Anmerkungen zur Situation des BE – Gegenwart und Zukunft betreffend – sowie Pläne für die letzte Saison“. Der apokalyptische Ton für die Pressekonferenz an dem Mittwoch ist vorgegeben. Die letzte Saison. Es mag pingelig erscheinen, aber in Wahrheit ist es lediglich Claus Peymanns letzte Saison am Berliner Ensemble (BE). Es ist nicht das Ende einer Theaterinstitution, obwohl es Claus Peymann so vorkommen mag.

Nach 18 Jahren wird im kommenden Sommer Schluss sein in Berlin. „Prinz Friedrich von Homburg“ möchte er im Februar aufführen, es soll seine Abschlussinszenierung werden. Der Spielplan kalauert mit dem nahenden Ende. „Abschlussball“ von Achim Freyer wird am heutigen Donnerstag uraufgeführt, im Dezember Becketts „Endspiel“, dann wird es noch eine Komödie mit dem Titel „Happy Ende“ geben.

Berlin ignoriere seine Leistung

In seiner letzten, vielleicht auch vorletzten Pressekonferenz, so genau weiß Claus Peymann es auch nicht, zeigt er die Palette seines Könnens: Boshaftigkeit, Larmoyanz, Selbstmitleid, Seitenhiebe und Forderungen, die mehr gebrüllt als gesagt werden. Gleich am Anfang legt Claus Peymann einen Klassiker auf. Überall werde er geschätzt, geradezu auf Händen getragen, nur in Berlin, in dieser trostlosen märkischen Wüste, werde seine Leistung ignoriert.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sei „ein netter Typ, der keine Ahnung von Kultur hat“, Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) wünsche er, dass er möglichst schnell sein Amt aufgibt, und die Berliner Presse berichte „mit Misstrauen, teilweise mit Hass“ über die Stücke auf seiner Bühne. Aber das Publikum liebe das BE, und überhaupt „liebt die ganze Welt das Ensemble“. Er listet auf, wo das Ensemble alles Gastspiele aufführt. Taiwan, Singapur, Paris, Italien, Wolfenbüttel. Auch Istanbul: „Erdogan hat sich einiges von mir anhören müssen.“

„Das Haus wird ausgelöscht. Es wird leer geputzt.“

Und er könne das leisten, obwohl sein Haus „nicht im Geld schwimme“. Das würden andere machen, allen voran Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters. Der könne es sich leisten, dass sein Theater erst sehr spät wieder mit der Arbeit nach den Sommerferien anfange. Jede Karte am BE werde mit 64 Euro subventioniert, die am Deutschen Theater mit 130 Euro.

291 Tage laufe seine Regentschaft noch, hat er ausrechnen lassen. „Der Countdown läuft, bevor der Wahnsinn ein Ende hat“, sagt Claus Peymann. Er habe ja Verständnis, sagt er in einem Anflug von Milde, dass man den Vertrag eines fast 80-Jährigen nicht verlängern wolle. „Man muss auch aufhören können“, aber er hätte noch gern ein, zwei Jahre weitergemacht. Claus Peymann erinnert sich noch mit Groll daran, wie kurzfristig er von seinem Vertragsende durch den Senat erfahren habe, um dann den Übergang zu dem neuen Intendanten Oliver Reese zu verdammen.

Alle 35 Schauspieler des festen Ensembles werden gehen müssen, wie diese Zeitung gestern berichtete, die Verträge werden nicht verlängert. „Das Haus brennt“, setzt Claus Peymann zu einer Suada an, die Thomas Bernhard gefallen hätte. „Das Haus wird ausgelöscht. Es wird leer geputzt. Das ist ein vollständiger Kahlschlag. Hier brennt es. Und es brennt zu Recht.“

„Ich war naiv“

Um die sozialen Härten für die Schauspieler abzufedern, fordert er von Michael Müller Abfindungszahlungen. „Ich vertrete ein humanes Theater und fordere den Bürgermeister auf, den Leuten zu helfen. Sonst bekommt er es mit mir zu tun.“ Dass Oliver Reese ihm gesagt habe, er würde niemandem kündigen, sondern lediglich die Verträge der Schauspieler nicht verlängern, sei „reiner Zynismus“.

Erwähnen sollte man an dieser Stelle, dass das Berliner Ensemble kein Mitglied im Deutschen Bühnenverein ist. Dadurch war es Claus Peymann möglich, die Verträge jährlich zu verlängern. Oder auch nicht. Warum das Theater nie dem Deutschen Bühnenverein beitrat, auf die Frage wird Claus Peymann an diesem Vormittag keine eindeutige Antwort geben können. Er verweist darauf, dass das BE eine privatrechtliche GmbH sei. Auf den Hinweis, dass auch eine GmbH mit Claus Peymann als Gesellschafter dem Bühnenverein hätte beitreten können, sagt der Intendant nur: „Ich war naiv.“

Das ist die eine Lesart. Die andere ist, dass er sich des liebsten Werkzeugs der neoliberalen Kiste bedient hat und über den alljährlich kündbaren, voll flexiblen Schauspieler verfügen konnte. Wer unter permanenter Existenzangst leidet, der ist leicht kleinzukriegen. Alle Schauspieler und der Betriebsrat wussten, auf welchen faustischen Pakt sie sich einlassen. Dass nun alle im Chor fordern, der Senat vulgo die Steuerzahler sollen diese frühkapitalistische Konstruktion im Nachhinein finanziell alimentieren, ist tollkühn. Der Senat werde jedenfalls keine Abfindungen zahlen, so Tim Renner gegenüber der Berliner Morgenpost.

Dabei wäre genug Geld da. Claus Peymann hat selbst einmal damit geprahlt, dass er der bestbezahlte Intendant der Stadt sei und mehr als der Bundespräsident verdienen würde. Dieser erhält 217.000 Euro pro Jahr. Bei der Kulturverwaltung hört man, er verdiene 300.000 Euro im Jahr.

Nach 18-jähriger Intendanz müsste Claus Peymann zumindest theoretisch über genügend Mittel verfügen, um seiner moralischen Pflicht als Alleingesellschafter des BE nachzukommen und die sozialen Härten für seine Schauspieler abzufedern.