Literatur Berlin

Wirre Worte des Oswald Egger

Oswald Egger hat am Montag die erste Berliner Rede gehalten. Dabei sinnierte er über politische und persönliche Grenzen.

Am Montag wurde die ehemalige Literaturwerkstatt Berlin zum Haus für Poesie

Am Montag wurde die ehemalige Literaturwerkstatt Berlin zum Haus für Poesie

Foto: imago stock&people / imago/gezett

Seine Stimme klingt rauchig, seine Sprache ist schnell und die Bilder nicht immer verständlich. „Will ich wirklich wissen, was das Gedicht wissen will? Was mit anderen Worten, jenseits der Termini, gleich und gleich anderweitig verschränkt, wird teils-teils oder sogar tunlichst Stuß und nur Unsinn sein“, liest Oswald Egger am Montag im Berliner Rathaus. Es ist die erste Berliner Rede zur Poesie. In seinem Text „Was nicht gesagt ist“ setzt sich Egger mit dem Suchen nach den richtigen Worten, Sprachlust und -Not auseinander.

Und Grenzen. Während er zu Beginn über die Grenzen Europas und das Untergang des Vaterlandes sinniert, bezieht er das Wort schließlich auf sich selbst und erklärt, er habe seine Grenzen unentwegt verschränkt, gleichzeitig schaffe das Gedicht eine „Grenze aus dem Nichts“ zwischen ihm und seiner Umwelt. Es ist schwierig dem in Wien lebenden Schriftsteller zu folgen. Völlig zusammenhangslos spinnt er aus jedem seiner geschriebenen Worte einen weiteren Gedanken. Wie ein unendlicher Kreislauf wirkt sein Reden, es scheint als spreche Egger teils nur um den Klang der Worte zu hören.

Muss Kunst kompliziert sein?

Dabei soll dieser Abend symbolisch für eine Neuausrichtung des Haus für Poesie, vormals Literaturwerkstatt Berlin, stehen. Das Haus für Poesie ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des Experiments, was nicht zuletzt mit Eggers Auftritt verdeutlicht wird. Rund ums Jahr präsentiert es zeitgenössische deutsche und internationale Lyrik in Lesungen, als Übersetzung, in Diskussionen und in Kombination mit anderen Künsten.

Doch wenn das die zukunftsweisende Poesie sein soll, ist diese dann überhaupt noch von Interesse für den durchschnittlichen Lyrikfreund? Muss Gedichtkunst erst kompliziert und schwer nachvollziehbar werden, um als ebendiese Kunst zu gelten?

Oswald Egger ist als ein experimenteller Dichter der Gegenwart bekannt. 1963 wurde er in Tscherns, Südtirol geboren, schloss sein Studium der Literatur und Philosophie in Wien ab. Seit 2011 ist er Inhaber der neu geschaffenen Professur „Sprache und Gestalt“ an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel.

Man meint zu verstehen

Seine Texte sind Versuchsanordnungen, mit Elementen des Erzählens, der Natur, Grafik und Mathematik. Mit seinen Worten schafft er Bilder, doch reist er sogleich seinen Zuhörer wieder hinaus, weil er schon längst bei einem anderen Thema ist. Zu hoch ist die Frequenz. Dabei fallen Wortneuschöpfungen in seinem wirren Reden kaum auf, fügen sich anstandslos in das Textbild ein. Man hört zu, meint zu verstehen, um dann resigniert aufzugeben.

„Ich haseliere fast mit und tobe allein um die unbehauste Obdachlosigkeit dabei, d.h. ich fauche, wie die Viper faucht, auch, – aber dazu gehört ja auch Sprache, und die – habe ich jetzt nicht mehr“, schließt Egger sein Reden. Endlich.