Berlin Art Week

Das Masthuhn im Museum

Gasag-Kunstpreisträger Andreas Greiner zeigt in einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie, wie nah Kunst an Wissenschaft sein kann.

Der Künstler Andreas Greiner vor „seinem“ Huhn

Der Künstler Andreas Greiner vor „seinem“ Huhn

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Stellen Sie sich vor, Sie sind Radiologe in der Charité und eines frühen morgens steht ein junger Mann mit Riesenbrille im Gesicht vor Ihnen und drückt Ihnen eine Kiste in die Hand mit einem toten Huhn – tiefgefroren. Und sagt: „Bitte ein CT.“ So hat es der Künstler Andreas Greiner gemacht.

Greiner zeigt uns ein Foto im Computer, wie das gerupfte Federvieh vorbereitet auf dem Gerät liegt. Sonderlich überrascht sei der Arzt nicht gewesen. Warum, schließlich gäbe es in Berlin viele junge Künstler mit verrückten Ideen. Und die Nofretete hätte man dort auch schon mal durchleuchtet.

Nun ist Greiners Huhn wieder auferstanden – in vergrößerter Form. 7,50 Meter groß steht das Skelett „Monument für 308“ auf einem klassischen Skulpturensockel in der Halle der Berlinischen Galerie. Es erinnert in Größe als auch Präsentation an altehrwürdige Dinosaurier in Naturkundemuseen. Jedenfalls hat Greiners Vogel und dieser Spagat des Künstlers an der Grenze zur Wissenschaft die Jury des Gasag-Kunstpreises überzeugt – die Auszeichnung hat er Dienstagabend erhalten.

Der Meisterschüler von Olafur Eliasson teilt sich mit sechs ehemaligen Mitstudenten wie Julian von Bismarck eine Etage in einer alten Malzfabrik. Die Idee der „Factory“ lebt ein wenig weiter, man teilt sich Werkzeuge, Maschinen und Wissen, „bespricht Ideen ohne Konkurrenzverhalten“, wie er erzählt.

Vom toten Huhn

Nun zum toten Huhn. Das hat er aus einem Mastbetrieb in Brandenburg. Tagelang ist er rumgefahren mit einem Freund, von Betrieb zu Betrieb. Dort werden die Hühner 30 Tage mit einem Cocktail gemästet. Greiners Huhn, so ergab das CT, starb wegen eines Fußknöchelbruches. Folge der Überfütterung bei zu schwachem Skelett. Nach dem CT hat der 37-jährige Berliner das Skelett eingescannt und auf zwei 3-D-Druckern in XXL reproduzieren lassen.

Greiner erklärt uns, wie die Drucker die einzelnen Knochenteile in einem Kunststoff namens PLA ausspucken, Rippen, Flügel, das Becken kommen zweigeteilt aus der Maschine, so groß sind sie. Die Drucker des Vinn-Labs „würgten“ ziemlich lange daran, druckten zwei Monate 24 Stunden am Tag.

Ob seine Kunst moralisch sei, wollen wir wissen. Er sei Vegetarier, beim Essen würde er seinen Freuden nun nicht den Appetit verderben. Es geht ihm um Ethik, um das Verhältnis von Natur und Mensch, um „Emotionalisierung“, schließlich wüssten wir mit so einem Huhn gar nichts mehr anzufangen, so abstrakt sei alles geworden. Wie wir essen, wie wir Tiere sehen. Und so steht das Huhn also vor uns als Mahnmal für unseren Lebenswandel.

Spontaner Herztod

Ursprünglich hat Greiner Medizin studiert, später Bildhauerei, daher sein Interesse an Wissenschaft und Anatomie. Die Theorie des Aussterbens hat er studiert, hat gelesen, dass es eine Entwicklungslinie vom Dinosaurier zum Huhn gibt.

Andere Arbeiten beschäftigen sich mit leuchtender Tintenfischhaut, die sich auf einem Screen zu Techno-Rhythmen bewegt. Und da gab es eine Fliege allein in der Nationalgalerie. Schon sind wir bei Heinrich – seinem ersten lebenden Recherche-Huhn. Er wollte sehen, wie es sich in Freiheit entwickelt. Heinrich kam auf einen Kinderbauernhof, hatte es nicht leicht, das Picken wollte nicht gelingen, der Hals war nicht entwickelt. Vor den Hühnchen rannte er weg. Gelebt hat Heinrich sechs Monate. Greiner ließ ihn obduzieren. Spontaner Herztod, so die Diagnose des Tierarztes.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128. Eröffnung: heute, 19 Uhr.