Kultur

Auf der Klippe: Nick Cave trauert um seinen Sohn

Arthurs Name fällt erst nach mehr als einer Stunde, aber jedem Zuschauer ist lange klar, worum es geht. Vordergründig um die Aufnahmen zu Nick Caves aktuellem Album „Skeleton Tree“, in Wahrheit aber ist der Film „One More Time With Feeling“ eine zweistündige, in Schwarz-Weiß gedrehte Trauerarbeit. Die Kameras zeigen ihn bei der Studioarbeit, in die Aufnahmen sind Interviewszenen hineingeschnitten, in denen Cave über den Sinn des Lebens und den Tod reflektiert. Am 14. Juli 2015 stürzte sein 15-jähriger Sohn Arthur unter LSD-Einfluss die Klippen in Brighton hinunter. „Der Teufel fordert seinen Preis“, sagt Cave in einer Szene und spielt darin auf seine eigene Drogensucht an, der er entkommen ist, als er das Model Susie Bick kennenlernte, die Mutter von Arthur und dessen Zwillingsbruder Earl.

„One More Time With Feeling“ wurde parallel zur Vorführung bei den Filmfestspielen in Venedig weltweit in 800 Kinos gezeigt, einen Tag vor der Veröffentlichung des Albums „Skeleton Tree“. Darauf befinden sich acht neue Songs, die Klage und Sinnsuche gleichermaßen sind. Gott, Jesus und der Teufel durchziehen thematisch das gesamte Werk von Nick Cave, in seinen Songs genauso wie in seinen Romanen. Seit er 1983 die Band Birthday Party und später die Bad Seeds gründete, hat der Australier sich immer mit den Dämonen beschäftigt, die ihm im Nacken sitzen.

„Das Trauma zerstört die künstlerische Kreativität“

Die neue Platte ist Bewältigungsarbeit und der Versuch, dem täglichen Leben weiterhin einen Sinn zu geben. Früher habe er jedes Wort, jede Metapher hin- und hergewendet und überlegt, ob sie als Songtext passen. „Worte sind mächtig“, sagt Cave. Bei „Skeleton Tree“ sei es anders gewesen. Die Worte hätten einfach raus gemusst, um dem Kummer Sprache zu verleihen. „Das Trauma zerstört die künstlerische Kreativität“, sagt Cave und zerstört damit die weithin gültige Annahme, dass große Kunst aus Trauer und Verlust entstehen würde.

Wer Cave früher erlebt hat, seinen lakonischen Humor, seinen Hang zum Pathos und seine Energie, erlebt in Dominiks Film einen gebrochenen Mann mit tiefen Ringen und Tränensäcken unter den Augen. Auch seine Frau Susie wirkt wie sediert. Sie entwirft Mode und zwingt sich zum Arbeiten. Beschäftigungstherapie, um nicht andauernd an den toten Sohn zu denken. In einer Szene holt sie ein Bild hervor, das Arthur als Fünfjähriger gemalt hat, es zeigt die mit kindlicher Hand gezeichnete Klippe, von der er gefallen ist. „One More Time With Feeling“ endet mit einem Song, bei dem Earl und Arthur als Kinder den Faithfull-Song „Deep Water“ singen, ihr Vater begleitet sie am Klavier. Es ist ein Gospel und ein Lied, wie es erklingt, wenn man am Ende einer Trauerfeier die Kirche verlässt.