Theater

„Denial“ bringt zur Sprache, worüber man sonst schweigt

Uraufführung am Maxim Gorki: „Denial“ ist typisch Yael Ronen - man weiß nie, wie viel Biografie in den Rollen der Darsteller steckt.

Fünf Darsteller, ein Thema Dimitrij Schaad als Jimmy, Oscar Olivo als Olivio, Çigdem Teke als Shaydem, Orit Nahmias als Dorit und Maryam Zaree als Marian (v.l.)

Fünf Darsteller, ein Thema Dimitrij Schaad als Jimmy, Oscar Olivo als Olivio, Çigdem Teke als Shaydem, Orit Nahmias als Dorit und Maryam Zaree als Marian (v.l.)

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Hat die Seele keine Lust auf Stress, sind ihre schärfsten Waffen Verdrängung und Verleugnung. Die israelische Theatermacherin Yael Ronen widmet diesem Mechanismus unter dem Titel „Denial“ jetzt einen Theaterabend. Das frisch zum Theater des Jahres gekürte Maxim Gorki Theater eröffnete mit der Uraufführung am Freitag seine neue Spielzeit.

In 14 sehr lose miteinander verknüpften Episoden zerren Ronen und ihre fünf Darsteller, mit denen sie das Stück gemeinsam entwickelt hat, lauter Unannehmlichkeiten aus dem Off des Bewusstseins hervor. Bei der mehrfach preisgekrönten Ronen-Methode weiß man dabei nie so genau, wie viel Biografie der Darsteller in den Rollen steckt.

Bloß nicht darüber reden

Aber es ist auch egal , ob der Vater von Orit Nahmias beim israelischen Geheimdienst war, die Mutter von Maryam Zaree im iranischen Widerstand oder ob bei Oscar Olivos Coming-out eine Gay-Sexhotline eine Rolle spielte. Man muss nicht wissen, ob es in Dimitrij Schaads Familie häusliche Gewalt gab oder ob die Familie von Çiğdem Teke ein Problem hätte, wenn sie mit einer Frau verheiratet wäre. Es reicht, dass das so gewesen sein könnte. Und vor allem, dass in den Familien nie darüber gesprochen wurde.

Tatsächlich sind die blinden Flecke, die hier bearbeitet werden, alle mehr oder weniger direkt im familiären Umfeld verankert. Aber bei postmigrantischen Biografien, von denen es im Gorki viele gibt, ist das Politische vom Privaten eben oft besonders schwer zu trennen. Auch das gehört zur Ronen-Methode. An diesem Abend ist es meistens die Elterngeneration, die nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Oft ganz groß, manchmal auch langatmig

Ronen erzählt in all diesen Geschichten im Grunde persönliche Tragödien, über Komik bohrt sie sich in deren Kern, das ist bisweilen sehr heiter, aber keineswegs harmlos. Allerdings sind die Szenen von sehr unterschiedlicher Qualität, manche ganz groß, andere langatmig und überraschungsarm. Das fällt auch deshalb so auf, weil eine übergreifende Klammer fehlt.

Aber eine großartige Bühne gibt es, die dann doch so was wie einen Zusammenhalt stiftet: Lauter Plastikstreifen hängen von der Decke, ein Dickicht, das auch als Videoprojektionsfläche dient. Oft sind die Gesichter der Darsteller hier in Großaufnahme projiziert, aber das Abbild bleibt stets flirrend. Weil wir zwar sind, was wir erinnern, aber der Unschärfe der Erinnerung doch wenig entgegenzusetzen haben.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Nächste Termine: 14. und 18. September, 19.30 Uhr