Doppelspitze

Sasha Waltz wird Ko-Intendantin des Staatsballetts

Die Choreographin und der Direktor des Royal Swedish Ballet, Johannes Öhman, werden Ko-Intendanten des Staatsballetts Berlin.

Die Berliner Choreografin Sasha Waltz (53) wirkt ziemlich aufgeregt bei der Pressekonferenz im Rathaus. Der unbekannte Mann an ihrer Seite hingegen nimmt alles völlig gelassen hin. Es handelt sich um Johannes Öhman, Jahrgang 1967, den derzeitigen Direktor des Royal Swedish Ballet.

Wer die beiden so vertraut auf dem Podium sitzen sieht, muss wohl zuerst an Yin und Yang denken. Gegensätze ziehen sich an. Zusammen werden sie ab Sommer 2019 die Intendanz des Staatsballetts Berlin übernehmen. Sie ist für das Künstlerische verantwortlich, er für das Administrative. Das neue Führungsduo löst den spanischen Choreografen Nacho Duato ab, dessen Fünfjahresvertrag ausläuft.

Die vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Mittwoch mitgeteilte Personalie ist eine gute Nachricht für die Berliner Kulturszene. Der Zeitpunkt der Mitteilung erklärt sich mit der bevorstehenden Wahl in Berlin. Müller ist gleichzeitig Kultur­senator und das Staatsballett eine kulturpolitische Dauerbaustelle. Diesmal setzt die Kulturpolitik auf den Überraschungseffekt. Müller und sein Kulturstaatssekretär Tim Renner haben aus der Misere rund um die Neubesetzung der Volksbühne gelernt. Auch das war ein künstlerischer Umbruch. Der Name von Frank Castorfs Nachfolger Chris Dercon war zu früh in die Öffentlichkeit gelangt, es wurden sofort Grabenkämpfe geführt und Dercon befindet sich seither in der Defensive.

Das wird Sasha Waltz nicht passieren. Sie hat in Berlin eine treue Fan­gemeinde und ist in der internationalen Tanzwelt ein gewichtiger Name. Sie war bereits 2013 als Ko-Intendantin fürs Staatsballett im Gespräch. Aber der damalige Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) entschied sich für Duato als alleinigen Nachfolger von Vladimir Ma­lakhov an der Spitze der Compagnie. Rückblickend war das eine Fehlentscheidung. Sasha Waltz ist jetzt eine sichere Wahl, auch wenn Doppelspitzen heikel sind.

Sasha Waltz hat die Erfahrung bereits an der Schaubühne hinter sich, wo sie die Tanzsparte an der Seite von Theaterchef Thomas Ostermeier leitete. Bis die Entfremdung eintrat. In dieser Zeit, so erzählt sie am Mittwoch, traf sie auf Johannes Öhman. Er hat sie über Jahre hinweg gedrängt, dass sie ihre Stücke weiter gibt. Das erste Projekt war „noBody“. Zu dem Zeitpunkt war er noch Chef der Göteborg Dance Company. In diesem Jahr folgte „Körper“ in Stockholm. Jetzt hat sie ihn gefragt, ob sie gemeinsam das Staatsballett in Berlin leiten wollen. „Ich bin froh, dass ich nicht allein bin, weil mein Schwerpunkt weiter die Kunst bleibt“, sagte sie.

„Sasha Waltz und ich glauben beide an diese Konstruktion“, erklärte Öhman. Der Handschlag mit der Kulturpolitik wurde vor einem Monat vollzogen. Am Mittwoch früh um zehn Uhr hat sie es ihren Mitarbeitern bei „Sasha Waltz & Guests“ mitgeteilt, das Staatsballett versammelte sich gut eine Stunde später, um zwölf Uhr fand die Pressekonferenz statt.

„Das ist für mich ein besonderer Moment, weil mich mit Berlin sehr viel verbindet“, sagt Sasha Waltz. Und Johannes Öhman erklärt, dass „es eine Compagnie mit mehreren verschiedenen Kompetenzen sein wird“. Beide wollen die künstlerische Verantwortung gemeinsam tragen. Künftig soll das Programm jeweils zur Hälfte aus klassischem und aus zeitgenössischem Tanz bestehen, ein Abbau der derzeit 89 Tänzerstellen sei nicht geplant, betont Öhman. Im Gegenteil, sagt sie, man hätte sogar gerne mehr Tänzer. Von unabhängigen Einheiten ist die Rede. Die bisherige Tanz-Compagnie „Sasha Waltz & Guests“ soll weiterhin autonom existieren und wird von ihrem Mann Jochen Sandig geleitet.

Staatsballett will mit Berliner Orchestern kooperieren

In die zunächst fünfjährige Ko-Intendanz will die Choreografin alljährlich ein Stück aus ihrem Repertoire einbringen, darüber hinaus möchte sie mindestens drei Uraufführungen herausbringen. Sasha Waltz betont, Projekte mit Berliner Orchestern machen zu wollen. Es ist bekannt, dass sie als Künstlerin ein gutes Verhältnis zu Daniel Barenboim an der Staatsoper und zu Donald Runnicles an der Deutschen Oper hat. An beiden Opernhäusern hat sie bereits erfolgreich Produktionen herausgebracht.

Die zeitgenössische Schiene beim Staatsballett ist vielversprechend. Im klassischen Bereich steht hingegen ein Bruch bevor. Die große russische Balletttradition, die zuletzt maßgeblich von Malakhov geprägt wurde, dürfte damit dem Ende entgegengehen. Beide neuen Intendanten sind ihr nicht verpflichtet, auch wenn Sasha Waltz betont, dass ihr „Respekt für den klassischen Tanz und klassische Tänzer gewachsen“ sei. Sie bleibt eine Ikone der Moderne, was beim Staatsballett für Unruhe sorgen wird.

Das klassisch-moderne Konzept des Staatsballett ist wohl auch ein Schritt in Richtung Tanzhaus Berlin. Seit Jahren ist dafür das Schiller-Theater im Gespräch. Das wird 2017 frei, wenn das Opernensemble in die sanierte Staatsoper zurückzieht. Michael Müller wollte es am Mittwoch nicht ausschließen, aber es seien noch drei, vier Schritte zu gehen. Es bleibt festzuhalten: Er hat nicht Nein gesagt.

>> Chefwechsel beim Staatsballett Berlin