Staatsballett Berlin

Bei den Primaballerinen gibt es einen Baby-Boom

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Volker Blech
Die russische Primaballerina Polina Semionova mit Babybäuchlein

Die russische Primaballerina Polina Semionova mit Babybäuchlein

Foto: Reto Klar

Spitzenstar Polina Semionova hat sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere für die Familie entschieden

Die Zeiten, in denen sich eine Primaballerina der Kunst zu opfern hat und erst nach dem Abschied von der Bühne eine Familie gründen kann, sind längst vorbei. „Bei uns gibt es einen Babyboom“, sagt Intendant Nacho Duato. Und nicht nur in seinem Staatsballett Berlin: In den Compagnien landauf, landab steht der Nachwuchs hoch im Kurs. Angeblich geht der Trend bereits zum Zweitkind. Und dennoch ist es etwas Besonderes, wenn sich ein Weltstar wie die 31-jährige Polina Semionova entscheidet, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass sie ein Kind erwartet. Sie hat dafür auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, denn es hat auch mit ihrer Karriere zu tun, die sie auf dem Höhepunkt unterbricht.

„Ich habe mich sofort, nachdem ich wusste, dass ich schwanger bin, entschieden, mit dem Tanzen aufzuhören“, sagt die in Berlin lebende russische Tänzerin: „Ich möchte nichts riskieren. Manche Ballerinen merken vielleicht nicht so viel davon, aber mein Körper hat sofort reagiert. Ich wollte keine Sprünge mehr machen.“ Die meisten Tänzerinnen wollen ein Kind haben, sagt sie, und sie kenne keine, die nur an ihre Karriere denke. „Die Familie ist mir inzwischen genauso wichtig wie die Karriere“, sagt Polina Semionova: „Es sind zwei Welten. Und ich will beides haben.“

Es kann gut für die Seele sein, eine Pause zu machen

Startänzer Vladimir Malakhov hatte die Moskauer Tänzerin zu seinem neu gegründeten Staatsballett Berlin geholt. Sie war 17 und wurde scherzhaft die „Baby-Ballerina“ genannt. Alle sahen sofort, dass die schlanke Schönheit eine Ausnahmetänzerin ist. In gewisser Weise wurde sie in Berlin die Nachfolgerin der gefeierten Amerikanerin Eva Evdokimova, die 1973 vom Senat zur Primaballerina gekürt worden war. Zur Primaballerina Assoluta wurde Evdokimova nach einem Gastauftritt mit dem Kirow-Ballett in Leningrad ernannt. Das waren seinerzeit die höchsten Weihen für eine Ballerina. In der heutigen globalisierten Tanzwelt funktioniert vieles pragmatischer und leider auch unglamouröser, was vielleicht ein Grund dafür sein mag, warum viele Spitzentänzerinnen nach dem Sinn ihres Daseins fragen und sich früher für eine Familie entscheiden.

Malakhov hatte in seiner Berliner Intendantenzeit bis zu acht Erste Solistinnen fest verpflichtet. Die teilten sich die Paraderollen in Berlin auf, absolvierten Gastspiele oder gingen in den Mutterschutz. Die Semionova verließ das Staatsballett, nachdem sie sich mit Malakhov überworfen hatte. Nacho Duato hat sie als Gaststar wieder zurückgeholt. Der neue Intendant kommt mit fünf Ersten Solistinnen aus. Was offenbar riskant ist, denn am Ende der vergangenen Saison kam es zeitweilig zum Engpass in Sachen Primaballerina. Iana Salenko, selbst Mutter, hielt die Stellung in den Aufführungen. Darüber hinaus wurden Solistinnen eingeflogen.

Und Polina Semionova, die zwischen New York, Mailand. St. Petersburg und Japan verpflichtet ist, sagte plötzlich aus gesundheitlichen Gründen alle Termine ab. „Der Körper ist natürlich ein bisschen schwerer“, sagt sie: „Und alles dehnt sich, wenn man zum Beispiel versucht, eine Arabesque zu machen. Bewegungen, Tanzbewegungen sind harte Arbeit für mich. Aber ich denke, wenn man Familie haben möchte, muss man sich darauf einlassen. Ich denke, es kann auch gut für die Seele sein, eine Pause zu machen.“

Für sein Staatsballett hat Nacho Duato inzwischen eine weitere Erste Solistin verpflichtet. Die gebürtige Weißrussin Ksenia Ovsyanick wechselt vom English National Ballet nach Berlin und wird sich dem Publikum bereits im „Nussknacker“ am 19. Oktober als Clara vorstellen. Darüber hinaus hat Duato drei Tänzerinnen in seinem eigenen Ensemble, die er für potenzielle Primaballerinen hält. Regelmäßig kommen Ballerinen aus anderen Compagnien zum Vortanzen. Das passiert alles so geheim wie möglich.

Polina Semionova will auf die Bühne zurückkehren

Es ist nach wie vor nicht leicht, sich an die Spitze zu tanzen. Und dort zu bleiben. Polina Semionova erwartet ihr erstes Kind im Dezember. Ein Weihnachtskind, wie sie mit weicher Stimme sagt. Wann sie auf die Bühne zurückkehren will, darüber möchte sie im Moment nicht reden. „Das kann man nicht planen“, sagt sie. „Vielleicht geht es schnell, vielleicht braucht mein Körper mehr Zeit. Aber ich möchte nach der Geburt schon einige Zeit für mein Kind haben. Aber so schnell es geht, werde ich mit dem Training wieder beginnen.“

Sorgen um ihre Figur und ihre Karriere macht sich Polina Semionova offenbar nicht. „Ich war immer schlank und rank. Ich konnte immer alles essen, was ich wollte. Und ich ernähre mich gesund. Ich denke nicht, dass ich nach der Geburt doppelt so groß bin.“ Mit einem Kind könne man vielleicht nicht so weit und so lange reisen, sagt sie. Aber dann wischt sie den zweiflerischen Gedanken beiseite: „Ich bin Balletttänzerin!“