Musik

Musikalischer Wahnsinn

Das Musikfest Berlin startet mutig mit Wolfgang Rihms „Tutuguri“ – doch unter Daniel Harding gibt es kein Ausufern.

Hochkonzentriert:

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Foto: Peter Adamik

Dröhnende Ohren am Ende, rauschhafte Benommenheit, lang anhaltende Begeisterung – das diesjährige Musikfest Berlin ist mit einem überwältigenden Großereignis in der Philharmonie gestartet: mit Wolfgang Rihms „Tutuguri“ für sechs Solo-Schlagzeuger und spätromantisches Orchester. Rund 130 Minuten kalkulierter Wahnsinn, der unentwegt auf das Publikum einpeitscht. Ein Werk aus der Sturm-und Drang-Zeit des Karlsruher Neutöners, Anfang der 80er-Jahre im Auftrag der Deutschen Oper Berlin geschrieben – und ursprünglich als Ballettmusik gedacht, mit dem Untertitel „Poème dansé“.

Das Gedicht, das Rihm dabei als Vorlage diente, wird an diesem Abend vom schottischen Schauspieler Graham F. Valentine zu Beginn rezitiert: „Tutuguri“ aus der Feder des Franzosen Antonin Artaud, ein Text über den alten Ritus der Schwarzen Sonne, den der Dichter in den 30er-Jahren bei den mexikanischen Tarahumara-Indianern kennengelernt hatte. Doch vom Rezitieren des Textes kann eigentlich kaum die Rede sein. Denn Graham F. Valentine spuckt und würgt, grunzt und geifert seine Zuhörer an. Er erweckt Artauds „Theater der Grausamkeit“ zum Leben, jenes postdramatische Theaterkonzept, bei dem nicht mehr der Text an sich im Vordergrund steht sondern der unmittelbare Angriff auf die Sinne des Publikums.

Und genau das hatte damals auch der 28-jährige Rihm vor. Das Gedicht ist für ihn Ausgangspunkt, um seine Zuhörer mit einem Arsenal an archaischen Klängen und Geräuschen zu konfrontieren. Bei einem weniger genialen Komponisten hätten einige dieser Mittel sehr schnell sehr billig klingen können: Da gibt es simple Motive wie die schicksalshaft fallende Terz, leere Quinten, rhythmische Ostinati, wirbelnde Tonrepetitionen in höchsten Höhen. Doch die eigentliche Kunst Rihms besteht in der Verknüpfung des Orchesters mit den sechs Solo-Schlagzeugern.

Wie diese den traditionellen Klangkörper erobern, ihm heftig einheizen, ihn auch mal brutal umklammern, dann wieder eher untergründig lenken – das entwickelt einen ganz besonderen Sog. Je länger dieses Werk dauert, desto tiefer gerät man hinein. Es ist eine Komposition, der man irgendwann zwangsläufig erliegen muss. Denn Rihm überfordert permanent die Sinne der Zuhörer, macht sie zu Gefangenen seines Schaffensrausches und zu gierigen Ohrenzeugen zugleich.

Auch Dirigent Daniel Harding wirkt gleichsam wie ein Gefangener der Partitur: Der schmale Engländer, Jahrgang 1975, mobilisiert schier übermenschliche Körperkräfte, um Rihms ausuferndes „Tutuguri“ zusammenzuhalten. Mit unerbittlicher Konzentration treibt er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks voran.

Das Resultat: Unter seiner Führung gibt es kein Ausufern, nirgends. Bei ihm klingt alles schwungvoll geordnet und logisch miteinander verknüpft. Animalische Rohheit ist Hardings Sache nicht. Auch wenn sich das Orchester unter dem Einfluss der Soloschlagzeuger immer mehr selbst in ein riesenhaftes Schlagzeug zu verwandeln scheint – die Münchner Musiker bewahren auch in den perkussivsten Momenten ihre Klangkultur.

Dass hier ein traditionelles Sinfonieorchester spielt, steht niemals ernsthaft außer Frage. Und so kommt es, dass auch Rihms Traditionsverbundenheit an diesem Abend in besonderem Maße hörbar wird. Es sind nicht nur Komponisten wie Strawinsky, Bartók und Varèse, die sich immer mal wieder bemerkbar machen, sondern an einigen Stellen sogar auch Gustav Mahler und Richard Strauss.

Den wirklich ungefilterten Wahnsinn scheint sich Rihm für den Schluss der knapp 85-minütigen ersten Konzerthälfte aufgehoben zu haben. Vier Tam-Tams, die im Zuschauerraum postiert sind und ein wie am Spieß brüllender Sprecher potenzieren die archaische Gewalt, die wie ein Orkan über das Publikum hereinbricht.

Nach einer ausgedehnten Pause dann die ultimative Tour de Force: Das Orchester ist verbannt, nur noch die sechs Solo-Schlagzeuger stehen auf der Bühne, um sich in 45 Minuten härtester Knochenarbeit zu vereinen. Angefeuert werden sie zuweilen durch Beschwörungsformeln eines gemischten Chores, der von Band in alle Ecken der Philharmonie geschleudert wird. Und das Verblüffendste dabei: Bald meint man in den obsessiven Trommelstrudeln Orchesterklänge der ersten Konzerthälfte mitzuhören. Rihms „Tutuguri“ entfaltet in diesen Momenten eine gleichsam halluzinogene Wirkung.

Und dies nicht zuletzt, weil das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks voll und ganz hinter diesem mutigen Mammutprojekt steht. Bereits 2010 hatten die Münchner Rihms „Tutuguri“ bei den Salzburger Festspielen aufgeführt, zwei Jahre später dann in ihrer Heimatstadt. Das gemeinsame Erlebnis soll so stark gewesen sein, dass die Musiker damit anschließend am liebsten auf Tour gegangen wären.

Und tatsächlich: Die Begeisterung, mit der sich die Münchner nun in der Philharmonie präsentieren, wirkt mitreißend authentisch. Abgesehen von den schweißtreibenden Strapazen, denen Daniel Harding während des Abends ausgesetzt ist, befindet sich der Engländer also in einer recht komfortablen Situation.

Denn normalerweise müssen Dirigenten harte Überzeugungsarbeit bei Sinfonieorchestern leisten, wenn es um die Aufführung umfangreicherer Werke zeitgenössischer Komponisten geht. Hier war es eher umgekehrt: Die Münchner haben Harding überzeugt.

Für Winrich Hopp, den künstlerischen Leiter des Musikfests, bedeutet dies nun einen Auftakt, wie er besser kaum sein kann. Hopp ist ein gewaltiges Ausrufungszeichen in mehrfacher Hinsicht gelungen. Rihms „Tutuguri“ steht für ein wagemutig geplantes, kostspieliges Event, das exklusiv und einmalig auf Berlin zugeschnitten ist. Ein Event, das vorbildlich für die zeitgenössische Musik wirbt – und eine ungeheure Nähe zum Publikum erzeugt.

Der Held des Abends, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, bleibt übrigens nicht der einzige Münchner Klangkörper, der sich auf dem Musikfest Berlin die Ehre gibt. Bereits am Dienstagabend geht es weiter mit den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev und einem Schostakowitsch-Ustwolskaja-Programm.

Für noch mehr Aufmerksamkeit wird vermutlich aber eine Woche darauf das Bayerische Staatsorchester sorgen. Die Musiker kommen am 14. September mit Kirill Petrenko, der ab 2019 den Chefsessel der Berliner Philharmoniker übernehmen soll. Es ist Petrenkos erstes Konzert in der Hauptstadt seit der spektakulären Wahl zum Rattle-Nachfolger.