Konzertkritik

Junges Orchester begeistert mit einem jungen Mozart

Die Deutsche Streicherphilharmonie besteht aus 11- bis 19-jährigen Schülern öffentlicher Musikschulenvon. Jetzt spielten sie bei Young Euro Classic.

Bundesjugendorchester,Dirigentin: Alondra de la Parra

Bundesjugendorchester,Dirigentin: Alondra de la Parra

Foto: Kai Bienert / MUTESOUVENIR

Zunächst erfuhr man im Umfeld des Konzerts der Deutschen Streicherphilharmonie beim Jugendorchester-Festival Young Euro Classic im Konzerthaus eine Überraschung: Die junge estnische Komponistin Liisa Hirsch, deren Werk „Mechanics of Flying“ am Abend zuvor am Gendarmenmarkt vom estnischen Musikstudentenorchester aufgeführt worden war, hat den Europäischen Kompositionspreis 2016 erhalten. Es ist ihr zu gönnen, wiewohl das Stück selbst, zweifelsfrei Avantgarde, wahrhaft originäre kompositorische Wege und Gedanken weitgehend vermissen ließ.

Der Rest des Abends gehört dem jüngsten Orchester des diesjährigen Young-Euro-Classic-Festivals am Gendarmenmarkt: Die Deutsche Streicherphilharmonie besteht aus Schülern öffentlicher Musikschulen in Deutschland im Alter von elf bis 19 Jahren – insbesondere an den hinteren Pulten sitzen sichtbar Heranwachsende. Ungeachtet dessen ist es ein fabelhaftes Klangerlebnis, das der Dirigent und derzeitige Chef Wolfgang Hentrich gleich mit dem Divertimento KV 138 des 16-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart zu evozieren vermag.

Von fehlender Eleganz

Auch wenn die Gespanntheit der jungen Musiker das Tempo in einigen Phrasenabschlüssen zunächst etwas vorantreibt, hört man einen höchst homogenen Klang, aus dem sich nur äußerst kontrolliert einzelne Gruppen in der Lautstärke hervorschälen dürfen.

Das Quäntchen Eleganz, das dem Ganzen noch fehlt, wird man nach der Pause in der Streicherserenade Es-Dur des Tschechen Josef Suk hören, der zum Zeitpunkt dieses Opus 6 wie der junge Mozart dem Durchschnittsalter der Musiker entsprach.

Dass es auf dem Feld der Spätromantik Blick, Ohr und Aufmerksamkeit für das Aufeinander-Hören enorm geschärft hat, beweist das Orchester zunächst aber in dem berühmten Adagietto aus Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie. Es ist schon nicht das geringste Maß an schüchternen Verzögerungen und leidenschaftlichen Beschleunigungen, das die jungen Musikschüler unter Hentrich hier wagen – Ausdruck ihrer beeindruckenden Trittfestigkeit auf dem dünnen Eis des Fin de Siècle, unter welchem selbst erfahrene Profi-Orchester nicht selten in den Untiefen des Kitsches nasse Füße bekommen.

Musikalische Pointe, verschlungene Pfade

Ein gutes Gegenmittel ist da das Bratschenkonzert des Franzosen Henri Casadesus, das von der Solistin Yura Lee in allen Lagen klangschön und nie zu massiv präsentiert wird. Lee macht in ihrem dennoch ausladenden Spiel keinen Hehl daraus, dass es sich durchaus nicht um ein wiederentdecktes Konzert des Bach-Sohns Johann Christian handelt, sondern um ein gekonntes, doch recht spätbürgerliches Barockimitat des Jahres 1901 – ein gelungener Treppenwitz der Musik­geschichte.

Suks Serenade schließlich eröffnet in der vollgültigen Interpretation der Deutschen Streicherphilharmonie Horizonte: Die Vielseitigkeit der musikalischen Pointen, die verschlungenen Pfade der Themen, all das haben die jungen Musiker in Wolfgang Hentrichs Schule des Spielens und Hörens nicht nur kennen, sondern technisch und geistig zu durchdringen gelernt.