Theater in Berlin

Irgendwann in den nächsten 25 Jahren

„Was ist Heimat?“ – Das inklusive Theater Thikwa in Kreuzberg stellt sein dreimonatiges Festprogramm zum Jubiläum vor.

Theater Thikwa ist eines der ältesten inklusiven Theater Deutschlands, in diesen Tagen feiert es sein 25-jähriges Bestehen

Theater Thikwa ist eines der ältesten inklusiven Theater Deutschlands, in diesen Tagen feiert es sein 25-jähriges Bestehen

Foto: david baltzer / david baltzer / bildbuehne.de

Heimelig und heiß ist es im kleinen Tipi, eng, ein bisschen stickig. Hier residiert Peter Pankow, der selbsterklärte Beauftragte für deutsche Musik, umgeben von einer Hand voll Zuschauer. Schlimme Schlager von Heino und Co. scheppern undeutlich aus seinem Recorder. Pankow fasst die gesungenen Heimatsehnsüchte zusammen: „Er liebt sie und will nach Hause.“

Was ist Heimat? Die Frage stellt sich das Theater Thikwa, eines der ältestesten und wichtigsten inklusiven Theater Deutschlands, zum Jubiläum: 25 Jahre ist es alt. Sein dreimonatiges Festprogramm beginnt mit „Homescape“. Dazu wurden fünf weiße Zelte ins Theater gestellt, in denen kurze Programme laufen. In den Pausen wechselt man die Orte, während die „Zeltmusik“ schmissig Songs spielt.

Am Beeindruckendsten geraten die engen Begegnungen zwischen Darstellern und Publikum. Wenn Sabrina Braemer einem erst eine gar nicht so üble Nackenmassage verpasst, um einen dann ziemlich rüde zu verabschieden, dann ist das ebenso eindrücklich wie Torsten Holzapfels autobiografische Kürzestgeschichten. Es sind Momente wie diese, für die Thikwa berühmt ist: nah, echt, zur Auseinandersetzung zwingend.

Anders als das genauso alte RambaZamba-Theater im Osten Berlins, das Guckkasten-Inszenierungen mit oft großartigen Schauspielern zeigt, hat das Kreuzberger Theater ein Herz fürs Chaos, für unerwartete Begegnungen, für mitunter eher sperrige Performer.

Thikwa heißt Hoffnung

Thikwa kommt aus dem Hebräischen und heißt Hoffnung. Optimismus war auch angebracht, als sich das Ensemble vor 25 Jahren gründete. Damals galt Theater mit behinderten Menschen bestenfalls als therapeutisches Angebot. Das Thikwa – wie auch das RambaZamba-Theater – hat hart dafür gearbeitet, dass die Schauspieler nicht erst nach der Arbeit proben, sondern hauptberuflich als Künstler arbeiten können, dass sie eine Ausbildung erhalten, die Inszenierungen als Kunst etikettiert werden und nicht mehr als Sonderpädagogik.

Einen besonderen Anteil hat das Thikwa daran, dass inklusives Theater nicht in seiner Nische verharrte, sondern Teil des regulären Theaterbetriebs wurde. Schließlich gehören Kooperationen seit langem zum Kerngeschäft, hat das Theater seine Schauspieler ausgeliehen und zugleich freie Künstler ans Haus geholt. So entstanden großartige und wegweisende Abende wie „Stallerhof“ am Deutschen Theater, Monster Trucks „Dschingis Khan“ und „Regie“, Anne Tismers schräge Buñuel-Fantasien.

Das Wissen um diese Arbeiten hilft ein wenig darüber hinweg, dass „Homescape“ zwar ein schönes Wimmelbild abgibt, aber keinen großen Wurf. Zwar ist so das ganze 40-köpfige Ensemble dabei, künstlerisch beeindruckender aber wäre eine Inszenierung aus einer Hand gewesen. Zumal einige der Nummern eher müde dahinplätschern und das Niveau der Performer zum Teil arg auseinanderklafft.

Bei „Vorsicht, zerbrechlich“ wird immerhin das Thema der Fremde erfahrbar, wenn Schauspieler von außen bedrohlich an die Zeltwand trommeln, während drinnen zwei Performer vom Alltag zu Hause erzählen. Später schleichen sie mit Koffern als Flüchtlings-Schattenriss vorbei.

Witz und Biss hat „Mission L537“, in dem das Publikum von Marsmenschen entführt wird, während die Erde explodiert. Die Idee ist nicht neu, aber die Ausführung so packend, dass man sie sich auch abendfüllend vorstellen könnte – irgendwann in den nächsten 25 Jahren.

Theater Thikwa, Fidicinstr. 40, Kreuzberg. Tel: 61202620, Termine: 7.-10., 14.-17. September