Deutsche Oper Berlin

„Ich bin der Typ des Manager-Intendanten“

Saisonstart an der Deutschen Oper: Dietmar Schwarz über Mozart und Wagner, blutige Opern und den Chefwechsel an der Volksbühne.

Dietmar Schwarz, Chef der Deutschen Oper Berlin

Dietmar Schwarz, Chef der Deutschen Oper Berlin

Die Berliner Opernsaison wird am heutigen Sonnabend um 15 Uhr offiziell eröffnet. Anschließend laden die Deutsche Oper und das Staatsballett gemeinsam zum Eröffnungsfest in fast alle Räume des Charlottenburger Hauses. Wir trafen vorab Opernintendant Dietmar Schwarz in seinem Amtszimmer.

Herr Schwarz, beim Eröffnungsfest werden üblicherweise die Hauptlinien der Saison präsentiert. Was wird es in diesem Jahr sein?

Dietmar Schwarz: Einmal geht es darum zu zeigen, welche Stücke und Sänger in der Saison zu erleben sein werden. Was aber viel wichtiger ist, wir wollen die Türen öffnen, damit auch Menschen kommen, die sonst nicht in die Oper gehen. Es ist ein Blick hinter die Kulissen möglich. Wir wollen Lust machen auf Oper. Wir machen ein ziemlich populäres Programm mit Moderationen, weil wir kein Kennerpublikum erwarten. Wir wollen das Publikum in Charlottenburg-Wilmersdorf und aus ganz Berlin ansprechen.

Die Premierensaison wird am 25. September mit Mozarts „Cosi fan tutte“ eröffnet. Dann folgen „Die Hugenotten“, die Uraufführung von „Edward II.“, Brittens „Tod in Venedig“, Wagners „Fliegender Holländer“ und Mussorgskis „Boris Godunow“. Das Programm ist auffällig historisch, bildungslastig, ja schwerblütig?

Es ist meine fünfte Saison und unser Programm entsteht aus bestimmten Linien heraus. Die Eröffnungspremiere mit Mozart ist eine zarte Pflanze, die in unserem großen Haus erst einmal keiner erwartet. Es wird ja immer die ganz große Oper erwartet. Unser GMD Donald Runnicles hat im letzten Jahr mit der „Entführung“ eine ganz eigene, energetische Interpretation für Mozart gefunden. Das ist auch das, was wir wollen.

Aber der Rest der Saison ist schon ziemlich schwerblütig?

Na ja, rund um Edward II. war es wohl eher schwer blutig. Aber das war für uns kein Ansatz, um die Oper uraufzuführen. Wir haben insgesamt 30 Opern im Spielplan, da ist für jeden etwas dabei. Was ist schon schwerblütig? Meyerbeers „Hugenotten“ sind auch ein sehr blutiges Thema, aber musikalisch bleibt es gleichzeitig eine Lovestory.

Verbirgt sich hinter dem schweren Programm Ihres Hauses eine bewusste Abgrenzung zu Barrie Koskys Komischer Oper?

Die drei Opernhäuser versuchen schon eine Profilschärfung hinzubekommen. Die Komische Oper hat es am schnellsten geschafft. Zwischen der Staatsoper und Deutscher Oper gelingt es inzwischen immer besser.

Haben Sie sich denn inzwischen schon darüber geeinigt, wer 2020 seine Neuinszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“ machen wird?

Wir sind gerade auf dem Weg zu einer Lösung, mit der wir alle sehr glücklich sind. Es sieht gut aus.

Warum ist es überhaupt ein Problem, wenn zwei Berliner Opernhäuser gleichzeitig einen neuen „Ring“ herausbringen wollen? Das Publikum ist doch da?

Darum geht es nicht. Es geht darum, die Vielfalt des Opernrepertoires auf eine Weise zu präsentieren, die für das Publikum möglichst abwechslungsreich ist.

Das Publikum findet es bestimmt spannend, zwei „Ringe“ vergleichen zu können?

Die Vergleiche finde ich auch schön, aber es sollte mit einigem zeitlichen Abstand bei den Premieren erfolgen. Ansonsten kann es für die Regisseure und Sänger problematisch werden. Man will ja nicht um die gleichen Künstler für die identischen Rollen buhlen. Jetzt sollten wir erst einmal unseren dreißig Jahre alten „Ring“ erneuern – so wie wir es geplant haben.

Sie sind jetzt seit vier Jahren Intendant, welche Erfahrungen sind in die Saison eingeflossen? Was geht beim Berliner Publikum und was auf keinen Fall?

Meine erste Premiere hier war Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – und die war ein Riesenerfolg. Oper lebt nur, wenn man Risiken eingeht. Wir haben zuletzt Mozarts „Entführung“ einem exponierten Regisseur wie Rodrigo Garcia anvertraut. Der hat schon für einigen Wirbel gesorgt. Die Deutsche Oper ist ein Haus, in dem das Publikum sehr leidenschaftlich reagiert. Das hat Tradition. Mein großer Amtsvorgänger Götz Friedrich hatte vor dreißig Jahren die Walküren in Lederkluft inszeniert. Heute würde das keinen mehr aufregen, aber damals hat das für eine riesige Empörung gesorgt. Aber dieser gewisse Ärger bedeutet auch, dass sich das Publikum für die Oper interessiert. Das schätze ich sehr.

Viele hatten mit Ihrer Vorgängerin Kirsten Harms mehr Spaß, es gab mehr Skandale und viel mehr Widerspruch. Warum ist das jetzt anders, weil Sie ein Mann sind?

Mit Mann oder Frau hat das nichts zu tun. Zu Kirsten Harms’ Zeit wurden in Berlin gerade Grundsatzdiskussionen über die Existenzberechtigung der drei Opernhäuser geführt. Sie hat das Haus kurzfristig übernommen und stand kulturpolitisch unter einem ganz anderen Druck. Ich habe als Intendant viel mehr Rückenwind bekommen.

Heftigen Gegenwind hat gerade Chris Dercon bei der Übernahme der Volksbühne.

Da möchte ich erst einmal meinen Mund halten und abwarten, was er an der Volksbühne für ein Programm auf die Beine stellt. Das ist doch das Mindeste! Verständlich ist die Skepsis: Für ein großes Museum würde man keinen früheren Theaterleiter verpflichten. Aber umgekehrt soll das funktionieren? Das Gute ist aber daran, dass jemand mit einem Fremdblick auf einen bestehenden Theaterbetrieb schaut.

Frank Castorf hat die Volksbühne über Jahrzehnte geprägt, aber das Haus wohl auch als sein Privattheater betrachtet.

Aber seine Leute lieben ihn, vielleicht teilweise in einer Art Hassliebe.

Was ist denn besser, wenn ein Intendant sein Haus auf sich zuschneidet oder wenn die Leitung regelmäßig wechselt?

Was besser für ein Haus ist, weiß ich nicht, aber ich bin eben der Typ des Manager-Intendanten. Manager nicht im Sinne eines Bankers, der nur aufs Geld schaut und die Mitarbeiter ausbeutet, sondern einer, der den Künstlern die Hand reicht. Das setzt aber eine gewisse Kollegialität in der Leitung voraus.

Der Blick auf die Volksbühne zeigt, wenn Intendanten zu lange bleiben, lassen sie viel verbrannte Erde zurück.

Aber bei der lange kritisierten Volksbühne war es doch so, dass sich in den letzten Jahren die verbrannte Erde wieder in fruchtbaren Humus verwandelt hat und alle den großen Castorf gefeiert haben. Inzwischen ist ein neuer Typus Intendant an den Häusern zu erleben. So, wie Claus Peymann das Berliner Ensemble leitet, geht das in Zukunft nicht mehr. Jeder Intendant muss das letzte Worte haben können, aber er muss es nicht immer nutzen.