Medien

Viel Kritik am Wirrwarr bei der Filmförderung

Berlin ist und bleibt Filmhauptstadt Deutschlands. Ein strukturelles Fördersystem könnte den Medienstandort noch besser sichern.

Der besucherstärkste deutsche Kinofilm 2015. „Fack ju Göhte 2“ haben 7.675.150 Zucshauer gesehen

Der besucherstärkste deutsche Kinofilm 2015. „Fack ju Göhte 2“ haben 7.675.150 Zucshauer gesehen

Foto: Christoph Assmann / dpa

So hat man Kirsten Niehuus noch nie gesehen. Auf Facebook singt die Geschäftsführerin vom Medienboard Berlin-Brandenburg mit Katzenbrille, Zylinderhütchen und Spülbürste ins Mikro Karaoke zu Whitney Houstons „Greatest Love of All“.

Ganz wie Sandra Hüller das in „Toni Erdmann“ zelebriert hat. Damit feiert das Medienboard echt social-media-like die 300.000-Zuschauer-Marke, die Maren Ades Film bereits geknackt hat. Und eigentlich müsste die Dame sofort nachlegen, geht „Toni Erdmann“ nun doch auch noch als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen.

Berlin, auch die Filmhauptstadt Deutschlands

Am Mittwochmorgen sitzt Kirsten Niehuus wieder ganz seriös im Pauly-Saal der Alten Mädchenschule in Mitte, wo das Medienboard zur rituellen Jahrespressekonferenz geladen hat. Dennoch erwartet man ständig, dass sie einen vergleichbaren Act hinlegt. Immerhin kann das Medienboard auch für das Geschäftsjahr 2015 nur gute Zahlen vorlegen.

Berlin-Brandenburg ist „uneingeschränkte Filmhauptstadt Deutschlands, wenn nicht Europas“, wie Björn Böhning, Chef der Berliner Senatskanzlei und zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des Board, vollmundig erklärt. Nun ja, die These mit Europa müsste man noch verifizieren. Aber deutschlandweit ist die Region erneut führend.

Der schönste Trend: Während Hollywoodfilme oft floppen, hält der Marktanteil deutscher Filme einen erfreulichen Anteil von fast einem Drittel. Und zwei Drittel davon sind wiederum Medienboard-gefördert. Das ist zum Großteil natürlich den größten deutschen Filmhits des Vorjahres zu verdanken, „Fack ju Göhte 2“ und „Honig im Kopf“, die beide die Sieben-Millionen-Marke geknackt haben.

2015 waren aber gleich sechs Besuchermillionäre aus der Region zu verzeichnen, neben den Genannten auch „Er ist wieder da“, „Traumfrauen“, „Der Nanny“ und „Bibi & Tina 2“. Und mit „Toni Erdmann“ und Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ hat man auch Erfolgsfilme aus dem Arthaus-Kino, die auf internationalen Festivals für Furore sorgen.

2015 haben hier geförderte Filme zahlreiche Preise gewonnen, darunter 13 Deutsche Filmpreise und vier Oscars. Nirgendwo in Deutschland stehen so viele internationale Stars vor der Kamera wie hier, sei es Tom Hanks für Steven Spielberg oder Alicia Vikander für Wim Wenders. Und dann ist die Region nicht nur Film-, sondern auch Serienhauptstadt, seit die fünfte Staffel von „Homeland“ hier entstand. Was nun mit Tom Tykwers Mammutprojekt „Babylon Berlin“ noch getoppt werden könnte, für das eigens die Drehkulisse Neue Berliner Straße im Studio Babelsberg errichtet wurde.

Dabei ist beim Medienboard längst nicht mehr nur von Film und Fernsehen die Rede. Auch Games, Apps, Animationen und digitale Inhalte werden dazugerechnet. Und auch diese Sektoren wachsen stetig an. Bei einem Förderetat von 30,4 Millionen Euro wurden 2015 insgesamt 309 Projekte gefördert.

Ganze 4.700 Drehtage wurden in der Region gedreht, zusammengerechnet wären das 12,9 Jahre. Allein bei der Filmförderung mit 25,5 Millionen Euro sind dabei 122 Millionen Euro Ausgaben in der Region gemacht worden: ein Regionaleffekt von 477 Prozent, der den von 2014 überholt und wieder ganz nah am Rekordjahr 2013 liegt (siehe Kasten). Verkürzt gesagt kommt jeder Euro, der ausgegeben wird, fünffach zurück.

Einen Makel beklagen aber sowohl Böhning als auch Niehuus: die Vielzahl nationaler Fördertöpfe, die für internationale Interessenten immer unüberschaubarer werden. Böhning spricht gar von einem „Förderwirrwarr“ und wünscht sich eine stärkere strukturelle Filmförderung. Was ja auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) schon auf der diesjährigen Berlinale angedeutet hat: staatliche Förderung durch Steuererleichterung. „Dafür“, so Böhning, „müssen wir werben“.

Man kann alles erreichen – man muss es nur wollen

Niehuus stößt in dasselbe Horn. Die Konkurrenz sei stark, viele internationale Interessenten wandern nach Osteuropa, Kanada und London ab, weil es dort einfachere Fördermittel gibt. „Das alles kann man erreichen“, sagt sie vorsichtig optimistisch, „man muss es nur wollen.“ Es ist vor allem ein Kampf, den die Kulturpolitik gegen die Finanzpolitik zu bestehen hat. Den Finanzjongleuren des Bundes kann man einen solch starken Regionaleffekt deshalb gar nicht oft genug vorrechnen.

Ein weiterer Knackpunkt, den das Medienboard durchaus sieht, ist die Tatsache, dass zu viele Filme gefördert werden, die sich dann an der Kinokasse kannibalisieren. Deshalb wurden 2015 20 Filme weniger gefördert als im Vorjahr. Dafür möchte man Filme höher ausstatten, die eine reale Chance auf Kinoauswertung haben. Das heißt aber nicht, dass dann nur besucherträchtige Filme von Schweiger- oder Schweighöfer produziert würden, wehrt Kirsten Niehuus gleich ab. Auf zwei bis drei Blockbuster kämen 40 Filme aus dem Arthouse-Bereich. Das geht also nicht zulasten des künstlerischen Films.