Kultur

Hauptsache obskur

Morgen beginnt das Musikfestival „Pop-Kultur“. Es versucht, originell zu sein, und doch erscheint alles so bemüht

In dieser Woche findet zum zweiten Mal das „Pop-Kultur“-Festival statt. Und Berlin freut sich auf seine ganz eigene Art. „Das braucht die Stadt nicht!“ und „Alibi-Veranstaltung“, schimpfte der Berliner Autor und Konzertveranstalter Berthold Seliger jüngst im Magazin „Musikexpress“. Während zwei weitere Macher, der Labelchef Anton Teichmann und der Musikjournalist Michael Aniser, ihrer Kritik – „Die Stadt profitiert nicht von diesem Festival!“ – auch Taten folgen ließen und ein zeitgleich stattfindendes Festival starteten: die „Off-Kultur“.

Warum sich die Gemüter wegen eines Musikfestivals so erhitzen? Bis 2014 hatte es die Berlin Music Week gegeben. Sie war als der direkte Nachfolger der Popkomm-Messe ein ziemlich typisches Musikbranchenfestival mit Konzerten und Podiumsdiskussionen. Bei ihrer letzten Ausgabe 2014 spielten die Newcomer vor einem Sponsorensticker auf der Straße, während die Branche im Postbahnhof über „Streaming“ debattierte. Das Ziel der Berlin Musik Week war klar. Es ging darum, Berlin als Zentrum für Musikgeschäfte zu bewerben. Dafür hatte sie Geld bekommen, sowohl von der Stadt als auch von der EU. Eine Fördersumme von insgesamt 660.000 Euro.

Das 2013 vom Senat ins Leben gerufene Musicboard sollte, unter der Leitung von Katja Lucker, für 2015 nun ein Nachfolgefestival aufziehen. Und das sollte anders werden. Besser. Sich auf Berlins wahre Stärke besinnen – also weg vom Branchenfokus hin zu Kunst und Künstler. Die eine Hälfte des Geldes, das sonst in die Berlin Music Week floss, wird nun in ein Nachwuchsprogramm mit vielen Workshops investiert. Die anderen Hälfte fließt in ein zeitgleich stattfindendes Publikumsfestival. Und gerade dessen Programm ist es, das nicht so leicht greifbar ist. 330.000 Euro lassen sich die EU und die Stadt das Nischenvergnügen kosten.

„Wir sind sehr mutig“, sagt der Kurator der „Pop-Kultur“

Im vergangenen Jahr konnte man auf der „Pop-Kultur“ beispielsweise den US-Schauspieler Elijah Wood im Berghain Bollywood House auflegen sehen, während ein Neurologe vom Max-Planck-Institut dem Maler Norbert Bisky musizierende Fitnessgeräte vorstellte. Die fast vergessene Neneh Cherry sang mal wieder, und die Popsängerin Balbina las zum ersten Mal ihre selbst geschriebenen Gedichte vor.

Auch das diesjährige Programm ist voller Liebhaberstücke: Der britische Produzent Matthew Herbert wird ein Musikalbum, „das er als Buch geschrieben hat“, erstaufführen. Die Wahlberliner Indie-Größe Liars werden „in einer Weltpremiere“ ihren Soundtrack zu dem Spielfilmdebüt eines New Yorker Indie-Regisseurs vorstellen, während auf einer anderen Bühne das Thema „Horror und Noise als Fortsetzung kolonialistischen Schweigens“ erörtert wird.

„Pop-Kultur“-Kurator Martin Hossbach findet das großartig: „Niemand sonst würde obskure Musikerinnen wie beispielsweise Alice Cohen, die zwar eine Popkarriere in den 80ern hatte, heute aber nur Insidern ein Begriff ist, nach Berlin einfliegen, um sie mit Band auftreten zu lassen. Wir sind sehr mutig“, sagt er. Inwiefern Berlin nun Geld dafür ausgeben muss, obskure Musiker aus New York einzufliegen, oder ob man diese nicht schon genügend vor der Haustür hat, ist die Frage, an der sich die Geister spalten.

Die Macher der „Off-Kultur“ zeigen in den Neuköllner Venues der klangvollen Namen „Finale Sportsbar“ oder „Tennis“ viel elektronische Musik, dazu einen Schuss Jazz, Punk und Videokunst. Alles aus Neukölln. Aniser und Teichmann finden, ein von der Stadt organisiertes Festival sollte dem eigenen Nachwuchs nicht nur ein Workshop-Programm, sondern eben auch eine Festivalbühne bieten.

Martin Hossbach wiederum findet, dass das Abbilden der diversen Berliner Szenen schlicht nicht Aufgabe der „Pop-Kultur“ sei. Sie wollten Trends und Tendenzen aufzeigen. Diesem programmatischen Ansinnen gegenüber stehen nun im realen Festivalprogramm ein Talk über Depressionen im Pop, eine Erinnerung an den Krautrock der 70er, der Musikjournalist Jens Balzer, der sein neues Buch vorstellt, sowie Thurston Moore, der ehemalige Sänger von Sonic Youth, der auftritt. Zu all diesem robusten Ewiggrün gibt es einen Schuss Neues, wie das viel gelobte Dance-Pop-Talent Roosevelt sowie mit Diät neuen Post-Punk aus Berlin, als eben auch viele Künstler wie die Frauenband A-Wa aus Israel, die mal als Newcomer gehandelt wurden, aber dann doch nie richtig gekommen sind.