Kultur

Marathon der Pianisten

Was für eine Anstrengung, welche Bereicherung: Vier junge Virtuosen spielen acht Stunden lang beim Young Euro Classic

Vier virtuose Klavier-Recitals nacheinander im Zwei-Stunden-Takt, danach sollen die Zuhörer ihren persönlichen Favoriten per Wahlzettel bestimmen: Eine Anstrengung der ganz besonderen Art wartete auf das Publikum des 17. Young Euro Classic Festival am Sonntag im Konzerthaus. Eine Anstrengung für Klavierliebhaber, die über eine unerschütterliche Konzentrationsfähigkeit verfügen. Insbesondere dann, wenn es vielversprechende Nachwuchstalente zu entdecken gilt. Und die hat Dieter Rexroth, der künstlerische Leiter des Festivals, tatsächlich wieder im Konzerthaus versammelt – als eine Art Comeback, denn in den beiden letzten Jahren musste das Klavierfestival aus organisatorischen Gründen pausieren.

Neu ist nun die Publikumsjury. Sie bietet zusätzlichen Anreiz, ein sogenanntes Kombiticket zu erwerben, mit dem man alle vier Pianisten hören kann. Denn nur dann darf mitgestimmt werden. Auch wenn die Leitung des Young Euro Classic Festival im Vorfeld betont hat, dass durch diese Abstimmung der Zuhörer kein Wettbewerb entstehen soll: Ein bisschen Wettbewerbscharakter ist dann doch spürbar. Zumal sich alle vier Pianisten nicht zuletzt mit virtuosem Repertoire präsentieren, darunter Großformatiges von Beethoven und Schubert, Liszt und Prokofjew.

Da ist zunächst der Lette Andrejs Osokins, Preisträger bei bedeutenden Wettbewerben in Leeds, Brüssel und Tel Aviv. Um 11 Uhr sucht der 32-Jährige den bereits gut gefüllten Kleinen Saal des Konzerthauses mit Bachs Präludium und Fuge BWV 853 auf. Osokins bietet Empfindsamkeit und Intimität vom Feinsten. Und obwohl dieser Bach dadurch wie ein Romantiker klingt: Die filigranen Finger des lettischen Pianisten haben etwas Unwiderstehliches.

Auch in den Außensätzen von Beethovens „Appassionata“ op. 57 gelingt ihm Großartiges. So richtig teuflisch geht es erst im Finale zur Sache. Osokins beginnt über der Tastatur zu buckeln, seine Mimik wird noch enthemmter. Der Pianist geht volles Risiko, um ein wahrlich verrücktes Feuerwerk abzubrennen. Vermutlich hätte Osokins danach eine Erholungspause benötigt. Doch es geht gleich weiter mit zwei Liszt-Virtuositäten. Osokins Muskeltonus steigt an, seine filigranen Finger verwandeln sich in heftige Pranken. Liszts „Petrarca-Sonett 104“ fehlt es dadurch an Klangpoesie, der „Dante“-Sonate danach an überzeugender Formgestaltung.

Ganz anders der Japaner Wataru Hisasue: Sein wohlproportionierter Ton und seine makellose Geläufigkeit von Anfang bis Ende haben etwas angenehm Beruhigendes. Haydns h-Moll-Sonate ist mustergültig ausgefeilt, sie klingt wie der Traum eines jeden Klavierpädagogen. Ähnliches lässt sich zu Prokofjews Klaviersonate Nr. 7 sagen. Doch die Distanz, die dabei Hisasues Spiel innenwohnt, hat auch ihre Nachteile: Weberns zwölftönige Variationen op. 27 wirken wie eine gediegene Pflichtübung, und Liszts „Rigoletto“-Paraphrase strahlt trotz beeindruckender technischer Souveränität nur wenig Verführungskraft aus. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden – schließlich ist Hisarue erst 22 Jahre alt.

Vollständig ausgereift dagegen präsentiert sich Yoonhee Yang aus Südkorea. Die ehemalige Studentin der Berliner Eisler-Musikhochschule hat genau das im Überfluss, was Hisasue zuvor fehlte: verführerische Klangschönheit. Geschmeidig beginnt sie Schuberts große A-Dur-Sonate D 959. Sie kostet das Liebliche der Tonart A-Dur in vollen Zügen aus. Yangs Oberstimme vermag zauberhaft zu leuchten, ihre Bässe sind in edlen Samt gehüllt. Eine beschauliche, flächige Interpretation entsteht.

Eine Interpretation, die große dynamische Kontraste vermeidet. Im Mittelteil des langsamen zweiten Satzes wird das besonders deutlich: Eigentlich gehört dieser Abschnitt zum Verrücktesten, was Schubert überhaupt aus der Feder geflossen ist – eine Art avantgardistischer Albtraum, eine Musik, die vollkommen ins Chaos zu kippen droht. Yong bleibt hier betont gesittet und atmosphärisch geschlossen.

Der jüngste Kandidat spielt das sperrigste Stück

Die Publikumsjury hat es nicht leicht. Erschwerend kommt hinzu, dass nach vielen Klavierstunden ausgerechnet der letzte Kandidat das sperrigste Meisterwerk im Programm hat: die 55-minütigen „Diabelli“-Variationen op. 120 von Ludwig van Beethoven, ein unfassbar vielschichtiger Variationszyklus, den der Komponist aus einem ganz einfachen Walzerthema gewonnen hat. Allein der Umstand, dass der Italiener Filippo Gorini als jüngster Teilnehmer des Klavierfestivals dieses Werk im Repertoire hat, ist schon eine Leistung. Viele Weltklasse-Pianisten machen um dieses Mammutwerk einen Bogen.

Nicht so der 20-jährige Gorini. Er spielt den Zyklus mit einer Selbstverständlichkeit und Reife, die schwindelig machen. Und die Verblüffung ist groß, als er nach diesem Kraftakt noch zwei Zugaben auf Lager hat, die weitere Facetten seines künstlerischen Vermögens offenbaren: Bachs strenger „Contrapunctus I“ aus der Kunst der Fuge und Chopins wildschäumendes Prélude op. 28 Nr. 24.

Dass Gorini den letztjährigen Beethoven-Wettbewerb in Bonn gewonnen hat, ist nach dieser Spitzenleistung durchaus nachvollziehbar. Und das Publikum? Spätestens nach Gorinis adrenalinfördernder letzten Zugabe ist es wieder hellwach – und kürt den jungen Italiener zu seinem Favoriten.