Kultur

Frieden, Freundschaft, Liebe

Mit Schlaghosen und Blümchenkleid in der Waldbühne: 20.000 Zuschauer feiern mit Dieter Thomas Kuhn

Glitzerhosen und Pilotenbrillen, Blumenkleider, Trompetenärmel, Rüschenhemden. Woodstock ist wieder zurück. Zumindest die Berliner Version. Denn Dieter Thomas Kuhn, die singende Föhnwelle, hat am Sonnabend in die Waldbühne geladen. Zum alljährlichen Feiern von Frieden, Freundschaft, Liebe. Und vor allem: sich selbst. 20.000 Zuschauer sind dieses Mal gekommen, um ihn die besten deutschen Schlager singen zu hören. Fast ausverkauft also.

Es ist unausgesprochene Tradition, sich zu Dieter Thomas Kuhn-Konzerten im Flower-Power-Look zu verkleiden, als wären die 70er-Jahre mit dem Elektroschocker wiederbelebt. Je bunter, desto besser. Man kennt sich ja auch schon. Vom letzten Jahr oder dem davor. „Eure Kostüme werden auch jedes Jahr geiler.“ „Und eure erst, echt der Hammer.“ Zwei Touristen gucken irritiert, fangen an zu tuscheln.

Es ist fast wie Rosenmontag. Nur eben wärmer

Die Kuhnis, wie sich die Fans von Kuhn nennen, zucken die Achseln. Jeden Sommer sind sie dabei, wenn Kuhn „Aber bitte mit Sahne“, „Sag mir quando, sag mir wann“ oder „Ti amo“ schmettert. Jedes Jahr sehen sie seine Schlaghose im Licht des Sonnenuntergangs auf der Waldbühne funkeln, sein künstliches Brusthaar so üppig aus dem Ausschnitt quellen, als würde es versuchen bis in die ersten Reihen vorzudringen. Man kommt ja auch nicht wegen der unschlagbaren Schlager. Nein, man kommt wegen dieses Gefühls. Bisschen Ballermann, bisschen 70er-Party. Texte zum Mitgrölen, Discofox-Beats zum Mittanzen. Ein Abend Kuhn in Höchstform, das ist fast wie Rosenmontag. Nur eben wärmer.

Die vollen Ränge der Waldbühne leuchten so bunt, dass die neonorangenen Uniformen des Sicherheitspersonals nicht weiter auffallen. La-Ola-Wellen fließen über die ausgestreckten Arme des Publikums, Sonnenblumen und Bierbecher werden nach oben gereckt. Ein Chor skandiert „Diiiiieter“. Der tänzelt, ein haushohes Peace-Zeichen als stumme Mahnung zur Heiterkeit im Rücken, um Punkt 20.15 Uhr auf die Bühne. Die Haare perfekt eingerollt, das Kostüm glitzert im Elvis-Chic. Er wolle eins klarstellen, sagt Kuhn zu Beginn. „Ihr könnt mit euren Handys machen, was ihr wollt, aber sucht keine Pokémon. Die geilsten Pokémon sind nämlich auf der Bühne.“ Wenn Kuhn so etwas sagt, zwischen „Quando“ und „Schön ist es auf der Welt zu sein“, grölen die Reihen. Kuhn balanciert seine Bühnenfigur auf dem sehr schmalen Grad zwischen Satire und Lust am Kitsch. Seine Schlagerinterpretationen kommen nicht ohne Übertreibung aus. Und auch nicht ohne ein Augenzwinkern unter der Haarspraytolle.

Dass er damit seit fast 20 Jahren Stadien füllt, das ist nur im ersten Moment ein bisschen kurios. „Bei all den schlechten Nachrichten habe ich jetzt eine schöne für euch. In Griechenland gibt es jetzt guten Wein“, schreit Kuhn ins Mikro. Und während er da so im Glitzerfummel über die Bühne jagt, die Zuschauer irgendwas vom Wein krakeelen, kaum einer weiß ja noch, wie es weitergeht nach „Komm schenk mir ein“, da wird offensichtlich, warum Kuhn den Menschen Spaß macht. Sein Konzert verspricht die Wiedergeburt dessen, was man immer als die gute alte Zeit bezeichnet. Zumindest einen Abend lang. Tanze Samba mit mir, Samba Samba die ganze Nacht.

Eine Zielgruppe hat er nicht. Das ist auch unter Lockenperücken, neon- farbenem Make-up, Abba-Outfits und Freie-Liebe-Rufen erkennbar. Kuhn hält es mit der Musik wie jedes Schützenfest mit der Blaskapelle. Wenn es um Conny Kramers Tod geht oder um Jürgen Marcus’ neue Liebe, die wie ein neues Leben ist – „nananananana“ – gibt es einfach kein Zielpublikum mehr. Spätestens nach drei Bier ist man mit dabei. Beim Schützenfest und bei Kuhns Schlagermix. Der solarium- gebräunte Bodybuilder mit Stiernacken, der sich zur Feier des Jahres einen pinken Hut auf sein kahles Haupt gesetzt hat, genauso wie die Fußballer unter ihren gigantischen Malle-Strohhüten. „Scheiß drauf, Dieter ist nur ein Mal im Jahr“, kann man auf einem T-Shirt lesen.

Kuhn singt immer weiter. Von Peter Alexanders kleiner Kneipe zu Udo Jürgens, der nicht genug von Sahne bekommt. Zwischendurch gibt es ein paar Glückskeksweisheiten – „Was wir haben, was wir sind, es spielt keine Rolle“ – und ein paar humoristische Anekdoten. Dass Kuhn auf einem SM-Boot über den Bodensee gefahren sei, mit Maske und allerlei Verkleidungen zum Beispiel. Und immer wenn man denkt, jetzt ist er aber durch mit den Schlagern der letzten Jahrzehnte, da setzt er zu einem neuen Song an. Anita!

Dass Kuhn mit all den Sängern mithalten kann, die er so gern kopiert, das beweist er noch einmal am Ende der Show. Da sitzt er in einem wadenlangen, weißen Fransenmantel an einem Flügel, Nebel strömt über die Bühne, ein Kandelaber beleuchtet die blonde Haarrolle, und Kuhn tanzt langsam über die Tasten. Er singt mit geschlossenen Augen „Für immer und dich“. Und während Feuerwerkskörper in der Luft zerknallen, scheint Kuhn seine Kunstfigur für einen Moment am Bühnenrand stehen zu lassen.