Film

Komm lass deinen Drachen steigen: „Elliot, der Drache“

Disney verfilmt all seine alten Filmklassiker noch einmal. Von „Elliot das Schmunzelmonster“ bleibt dabei nicht mehr viel übrig.

Dschungelbuch mit Drache: Der kleine Pete (Oakes Fegley) wurde von diesem Untier aufgezogen

Dschungelbuch mit Drache: Der kleine Pete (Oakes Fegley) wurde von diesem Untier aufgezogen

Foto: Disney/PETE'S DRAGON

Die kleine „Alice im Wunderland“ verwandelte sich in eine 20jährige, die lieber einem weißen Kaninchen folgt, als dem erstbesten Heiratsantrag stattzugeben. Aus „Dornröschen“, der Passionsgeschichte einer scheintoten Königstochter wurde „Maleficent“, das Selbstermächtigungsdrama einer betrogenen Fee. Es ist nicht zu leugnen, die jüngsten Realverfilmungen ihrer Zeichentrick-Klassiker hat die Walt Disney Company zu originellen Neudeutungen altbekannter Geschichten inspiriert. Weil sie sich zudem als das erhoffte lukrative Geschäft erwiesen, werden nun offenbar auch die nicht ganz so klassischen, eher durchschnittlichen Produktionen aus dem Disney-Archiv geholt, um sie als zeitgemäße CGI-Spektakel wiederauferstehen zu lassen.

Wer heute „Elliot, das Schmunzelmonster“ von 1977 ansieht, ein Realfilm-Musical mit Zeichentrickdrachen, wird danach erst mal mit feuchtem Lappen sein Fernsehzimmer durchwischen, so angestaubt erscheint die Geschichte vom kleinen Waisenjungen Pete, der um die Jahrhundertwende auf der Flucht vor seiner gemeinen Pflegefamilie mit einem gerade mal mannshohen schielenden Drachen Freundschaft schließt.

Sie leben in den Wäldern New Englands, unweit der Küste, bis sie von einem betrunkenen Leuchtturmwärter entdeckt werden und dessen Tochter Pete quasi adoptiert. Gemeinsam verteidigen sie den Drachen gegen den Zugriff habgieriger Drachenjäger. Hier regiert noch schauspielerisches Pathos, alberner Slapstick und sentimentale Lieder werden geschmettert. Kurzum: Der Film repräsentierte noch genau jene in den 50-ern stehen gebliebene Traumfabrik, die den Filmemachern des New Hollywood damals als Feindbild diente.

Sein Remake, das nun als „Elliot, der Drache“ startet, illustriert auf besonders anschauliche Weise, wie sehr sich Hollywood, die Disney-Ästhetik und der Zeitgeist seither verändert haben. Mit seinem Original hat das Remake eigentlich nur noch ein paar Namen und die Eckpfeiler der Geschichte gemeinsam. Es beginnt – ausgerechnet – 1977 in den endlosen Wäldern Neuseelands. Bei einem Autounfall kommen die Eltern des fünfjährigen Pete ums Leben. Er selbst irrt traumatisiert durchs Gehölz, bis er erst von ein paar Wölfen und schließlich vom Drachen Elliot angenommen wird. Letzterer hat nichts mehr von seiner früheren Drolligkeit. Er ist ein haushohes, beeindruckend animiertes CGI-Monster, auf den Spuren von T-Rex und Godzilla, aber eben mit einer eher fürsorglichen, freundlichen Seele.

Fantastischer Weise verbringen Drache und Ziehsohn nun sechs Jahre zusammen, in denen Pete zu einem kleinen Teenie-Tarzan (Oakes Fegley) heranreift, bevor es zum nächsten Kontakt mit der Zivilisation kommt. Dort warten dann mit der Wildhüterin Grace (Bryce Dallas Howard) nicht nur die unbewusst herbeigesehnte Ersatzmutter, sondern auch die üblichen Trophäenjäger, die Elliot ans Leben wollen.

Als feiner ironischer Clou taucht mit Robert Redford auch noch eines der prominentesten Gesichter des New Hollywood auf, als Graces Vater, Mr. Meacham. Da passt es ins Bild, dass in „Elliot, der Drache“ nicht mehr auf der Szene, sondern nur noch im Soundtrack gesungen wird. Und zwar nicht von einem notorisch gut gelaunten Pop-Gewächs der Disneyschen Star-Fabrik, sondern von melancholischen Protagonisten der Gegenkultur, eigensinnigen Songwriter-Heroen wie Bonnie Prince Billy und Leonard Cohen.

Kurz: Anstelle des nostalgischen Klamauks ist nun ein durchpsychologisiertes Action-Drama getreten, dessen Protagonisten sich ihren tiefen Emotionen hingeben. Als Remake sollte man also auch „Elliot, der Drache“ durchaus Respekt zollen. Wesentlich spannender als sein Original ist er leider trotzdem nicht.