Kultur

Eine wilde Show

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Martina Helmig

Bei der Young Euro Classic dirigiert Alondra de la Parra erst das Bundesjugendorchester und bei Zugabe auch das Publikum

der Die Orchestermusiker reiben sich die Hände, klatschen, schnipsen und trappeln. Sie erzeugen eine ungewöhnliche Geräuschkulisse, die „kosmisches Rauschen“ erfahrbar machen soll. Das Cellokonzert „Magnetar“ des Mexikaners Enrico Chapela führt ins Weltall. Magnetare sind Sterne mit einem riesigen Magnetfeld. Das Bundesjugend­orchester lässt sich von der Idee faszinieren. Es klingt ungestüm, explosiv. Auf Chapelas Stern gibt es alle Arten von musikalischen Eruptionen.

Der Komponist hat das Konzert für Johannes Moser und sein E-Cello geschrieben. Der Solist unternimmt bei der Deutschen Erstaufführung einen wilden Ritt über die Saiten. Beim Festival Young Euro Classic sitzt der Komponist neben ihm am Effektgerät und versieht das Instrument mit ständig wechselnden Verzerrungen und Hall. Seit seiner Studentenzeit spielt Moser auch E-Cello. Er hat es einmal als Ventil bezeichnet. Sonst ist er immer auf Perfektion bedacht, mit dem E-Cello kann er loslassen.

Wenn man weiß, welche klanglichen Finessen er Schumann auf dem traditionellen Cello abgewinnt, findet man es schon erstaunlich, dass er mit dem E-Cello die Kontrolle über den Klang freiwillig abgibt. Aber dann erlebt man, mit welcher Lust er in Chapelas brodelnden Hexenkessel springt. „Gewaltsam“ ist der Heavy-Metal-Satz überschrieben. Es geht abwechselnd rockig, jazzig, arabisch, mexikanisch und französisch zu. Vom Kosmos aus betrachtet, ist die Erde ein kleiner Ort.

Das Ganze wirkt verspielt, auch ein wenig vordergründig und plakativ. Man staunt über den Mut, so eine verrückte Collage zusammenzustellen. Die Musiker dürfen ganz aus sich herausgehen. Am Ende spielen alle im Stehen. Es ist eine wilde Show. Im Konzerthaus herrscht Begeisterung pur. In der Zugabe kommt doch noch Johannes Mosers traditionelles Cello zum Einsatz. Julius Klengels „Hymnus“ für 12 Violoncelli spielt er gemeinsam mit den Cellisten des Bundesjugendorchesters. Er erinnert damit daran, dass er selbst einst aus diesem „jüngsten deutschen Spitzenorchester“ hervorgegangen ist.

Im Juni hat das Bundesjugendorchester zur Eröffnung des deutsch-mexikanischen Kulturjahrs in Mexiko-City gespielt. Nun setzt es einen Mexiko-Schwerpunkt in Berlin. Die Dirigentin des Abends ist die Mexikanerin Alondra de la Parra, die in den letzten Jahren international Karriere gemacht hat und ab 2017 Chefdirigentin beim Queensland Symphony Orchestra in Australien arbeitet. Sie führt die jungen Musiker mit sicherer Hand durch zwei gewichtige Beethoven-Ouvertüren, zeichnet ein scharfkantiges Porträt des selbstherrlichen Herrschers Coriolan und schildert die Gefühle von Leonore, die ihren Geliebten aus dem Gefängnis befreit.

Der Rest des temperamentvollen Abends gehört der mexikanischen Musik. Carlos Chávez, der Pionier der mexikanischen Moderne, hat 1926 seine Ballett-Sinfonie „Pferdestärken“ geschrieben. Sie sollte eine Art Nord-Süd-Dialog zwischen dem industrialisierten Nordamerika und dem agrarisch geprägten Mexiko darstellen. In der später daraus entstandenen Suite ist davon wenig zu spüren. Die drei Sätze beschreiben einen Tanz mit vertrackten, rasch wechselnden Rhythmen, eine fröhliche Schiffsreise und ein tropisches Paradies. Das Stück ist inspiriert von Strawinsky und gewürzt mit Anklängen an mexikanische Folklore.

Das Bundesjugendorchester ist in glänzender Verfassung. Alondra de la Parra dirigiert mit starken Gesten, die nicht nur die Musiker anspornen. Bei der Zugabe dirigiert sie auch das Publikum.

( Martina Helmig )