Kultur

Die Jugend von gestern

Mal seicht, mal altersweise: Die Inszenierung von „In alter Frische“ in der Komödie am Kurfürstendamm widmet sich dem Generationenkampf

„Elf Dioptrien! Ich war immer schon der Bessere von uns beiden.“ So sieht Konkurrenzkampf im Seniorenheim aus. Hier gewinnt, wer schlechter sieht. In diesem Fall heißt der Sieger Ludwig von Schwitters-Elblingen (Walter Plathe). „In alter Frische“ zeigt sein Leben in einer Seniorenresidenz.

Mit Klischees wird dabei nicht gespart. Das Essen ist furchtbar, die Leute sind allesamt senil oder nicht auf seinem intellektuellen Level, und die Krankenschwester gleicht einem Feldwebel. Um sich den Lebensabend ein wenig schöner zu gestalten, lässt er sich sonntags Gourmetessen liefern, wie es sich für einen Mann aus adeligem Haus gehört. Seine neue Lieferantin Paula (Joanna Semmelrogge) entspricht jedoch nicht den Vorstellungen des ehemaligen Schuldirektors: Schulabbrecherin, Jungmutter, Rapperin. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch sie brauchen einander. Denn Ludwig wünscht sich neben seinem Sonntagsbraten auch Zeitungen und Medikamente. Als Gegenleistung gibt er Paula Nachhilfe in Mathematik. Denn sie möchte ihrer Tochter ein Vorbild sein und bei den Hausaufgaben helfen können. Es kommt, wie es kommen muss, und aus der anfänglichen Geschäftsbeziehung entsteht eine Freundschaft.

Den Senioren bleibt nicht mehr als die alten Geschichten

„In alter Frische“ porträtiert zwei Generationen und spart nicht an Stereotypen: Zum einen zeigt es die faule Jugend von heute, die an akademischem Erfolg nicht interessiert ist und ständig Anglizismen verwendet. Sie kleidet sich viel zu bunt, hört Hip-Hop, der eigentlich nur Krach ist, und vergreift sich ständig im Ton. Auf der anderen Seite stehen die Senioren, denen nicht mehr bleibt als die alten Geschichten. Denn die aufregenden Jahre sind für sie vorbei. Die sonntägliche Runde Trivial Pursuit ist etwa das Highlight der Woche. So klammern sie sich an vergangene Ereignisse, Ausbildungen und Anekdoten, die ihr Leben aufregend gemacht haben.

Als sich die Generationen schließlich annähern, erkennt man auf beiden Seiten eine Veränderung. Während Paula lediglich ihre bunten Haarsträhnen verliert, freunden sich die Senioren mit Hip-Hop an. Es folgt ein Geburtstags-Rap für Ludwig, inklusive schlechten Beatboxings und albernen Tanzens. Beim Anblick der Kostümierung – Gürtel mit leuchtenden Schnallen, Kappen und viel zu weite T-Shirts – schwankt der Zuschauer zwischen Lachanfall und Fremdschämen. Unterhaltsam ist es aber in jedem Fall. Dementsprechend laut ist bei der Premiere am Sonntag der Applaus. Auch die teilweise seichten Witze, wie etwa die schwerhörige Elisabeth (Brigitte Grothum), der man alles mindestens zweimal erzählen muss, entlocken den Zuschauern den ein oder anderen Lacher.

Ebenso unterhaltsam ist der Moment, in dem Paula und Elisabeth eine Gemeinsamkeit entdecken. Die beiden verbindet das Pech in der Liebe. Denn seit Paula vom Vater ihrer Tochter verlassen wurde, findet sie keinen anständigen Mann mehr. „Die Kerle von heute wollen nur das eine“, klagt sie. „Die von vorgestern auch!“ , erwidert Elisabeth. Denn sie ist in Ludwig verliebt, bekommt von ihm aber nicht die gewünschte Aufmerksamkeit. Die wöchentliche Einladung zum Tanzen etwa lehnt er stets ab. Zwischen den beiden Frauen entsteht durch diese Gemeinsamkeit eine Freundschaft. Sie geben sich nun Tipps in Liebesdingen, und Paula versucht mit allen Mitteln, die Senioren zu verkuppeln.

Das Stück behandelt ein altbekanntes Thema. Die Unterschiede zwischen Alt und Jung werden in zahlreichen Filmen aufgegriffen, zuletzt etwa in der Buchverfilmung „Ein Mann namens Ove“. Dadurch wird die Geschichte vorhersehbar, das Stück nimmt keine überraschende Wende. Schon zu Beginn ahnt der Zuseher, wie es ausgehen wird.

Dennoch schafft es „In alter Frische“, das Publikum zu berühren. Das liegt besonders an der schauspielerischen Leistung des Ensembles. Hervorzuheben ist Siegfried Kadow, der den senilen Franz Josef Lojewski darstellt. Er liefert die unterhaltsamsten Stellen und sorgt mit seiner vergesslichen Art für einige Lacher.

Walter Plathe mimt überzeugend den Griesgram Ludwig, der den „guten alten Zeiten“ nachtrauert. Stolz erzählt er bei jeder Gelegenheit von seinen akademischen Leistungen, seinem Reichtum und unendlichen Wissen. Seine Lebensgeschichte spricht er etwa auf einem Diktiergerät ein. Der Miesepeter entwickelt im Verlauf der Geschichte schließlich auch eine sanfte und verletzliche Seite. Denn hinter den großen Anek­doten steckt ein einsamer Mann, der verzweifelt versucht, im Leben glücklich zu werden, aus seiner Misere aber nicht entkommen kann. Denn selbst in der „guten alten Zeit“ war nicht alles perfekt. Glücksspiele und Alkohol zerstörten seine Ehe. Seine Tochter Franziska hat er seit 30 Jahren nicht mehr gesehen. Das Publikum entwickelt im Laufe des Stückes eine Sympathie für den Griesgram und empfindet Mitleid mit ihm. Denn seine Lebensgeschichte nimmt er nicht aus Selbstverliebtheit auf. Das Band ist für Franziska. Mit diesem versucht er, die Fehlentscheidungen in seinem Leben zu erklären.

Komödie am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206. Di., Do., Fr., Sbd. 20 Uhr, Mi., So., 16 Uhr. Bis 2.Oktober