Klassik-Kritik

Abschied zweier Komponisten

Das Schleswig-Holstein Festival Orchester spielt die letzten Werke der Österreicher Joseph Haydn und Anton Bruckner

Die besten Jugendorchester setzen allmählich Patina an. Das European Union Youth Orchestra hat beim Festival Young Euro Classic gerade seinen 40. Geburtstag gefeiert. Nun kommt das von Leonard Bernstein gegründete Schleswig-Holstein Festival Orchester, das im kommenden Jahr auch schon 30 wird. Dabei erneuert es sich jedes Jahr. Die Musiker sind niemals älter als 26 Jahre. Bei Probespielen in 30 Städten auf verschiedenen Kontinenten werden sie immer wieder neu ausgewählt. Die Schleswig-Holsteiner gehören beim Berliner Jugendorchester-Festival zu den immer gern gehörten Stammgästen. Die Festivalhymne präsentieren sie mit ihrem temperamentvollen Streichorchester als musikalischen Spaß, ganz nach dem Wunsch des Komponisten Iván Fischer. Orchesterpate Martin Hoffmann, Intendant der Berliner Philharmoniker, hält eine Begrüßungsansprache im vollen Konzerthaus.

Es geht um die jeweils letzte Sinfonie der beiden Österreicher Joseph Haydn und Anton Bruckner. Letzten Werken haftet immer ein besonderer Mythos an. Diese beiden sind allerdings grundverschieden – nicht nur weil 100 Jahre zwischen den Kompositionen liegen. Haydn war berühmt, beliebt und erfreute sich bester Gesundheit, als er seine „Londoner“ Sinfonie Nr. 104 schrieb. Bruckner dagegen wusste um seinen nahenden Tod, als er – wie immer von Selbstzweifeln geplagt – an seiner neunten Sinfonie arbeitete. Eschenbach und seine jungen Musiker stellen die unterschiedlichen Erlebniswelten eindrucksvoll heraus. Bis auf ein paar nervös verwackelte Bläsereinsätze wird das Orchester seinem guten Ruf gerecht.

Christoph Eschenbach, der das Schleswig-Holstein Festival Orchester seit 2004 leitet, sieht in dem Wiener Klassiker nicht den Altmeister, sondern einen ewig Suchenden. Er deutet auf seine Experimentierlust und seinen Erfindungsreichtum. Rhythmusbetont lässt er die Instrumente im Allegro tänzeln. Schwerblütig geht es im Andante zu. Auch Haydns Humor und seine strahlende Lebenslust kommen nicht zu kurz. Es ist, als wollten die Musiker Mozarts Aussage über Haydn bestätigen: „Keiner aber kann alles – schäkern und erschüttern, Lachen erregen und tiefe Rührung – und alles gleich gut: als Joseph Haydn.“ Bruckners Neunte nimmt Eschenbach langsam. Die letzten Dinge, die wirklich so gemeint sind, brauchen ihre Zeit. Es beginnt mit flackernder Unruhe. Im ersten Satz lassen die Musiker den fiebrigen Lebenskampf stattfinden. Das Scherzo bricht donnernd herein. Pauke und Blechbläser würgen kleine tänzerische Melodien immer wieder ab. Im langsamen Satz macht Bruckner seinen Frieden mit der Welt.

„Abschied vom Leben“ hat er über eine Hornstelle geschrieben. Mit dem geplanten Finale ist er bis zu seinem Tod nicht fertig geworden. Vielleicht ist das auch gut so.