Konzert-Kritik

HipHopper K.I.Z. und die Kunst der Provokation

K.I.Z. verkünden bei ihrem Berlin-Konzert, sie wollten für das Bürgermeisteramt kandidieren. Ein Abend mit Sex, Sarkasmus und Diss.

In Uniform: K.I.Z. am Samstagabend in der Wuhlheide

In Uniform: K.I.Z. am Samstagabend in der Wuhlheide

Foto: Manuel Lopez / dpa

Politische Reden, nackte Frauen und Diss: Die HipHopper K.I.Z. wandeln bei ihrem Auftritt in der ausverkauften Wuhlheide auf dem feinen Grat zwischen Ironie und Tabu. Sie bestätigen alle Rapper-Klischees, handelt doch nahezu jeder Text von Sex, Drogen oder Beleidigungen. Aber es ist nicht ganz so einfach, wie es scheint. Denn abgesehen vom Prollo-Gehabe bieten sie am Sonnabend auch eine hervorragende Show.

Bevor Maxim Drüner, Tarek Ebéné und Nico Seyfrid mit DJ Craft die Bühne betreten, wird ein Film gezeigt. Da wird in Nachrichten-Manier verkündet, heute sei Parteitag. Dann eine Kurz-Biografie der Band: Von der Ausladung bei Rock am Ring über Ausschreitungen am Schlesischen Tor zu ihrem Nummer-Eins-Album „Hurra, die Welt geht unter“.

Mit Stretch-Limousine und Uniform

Mit einer Stretch-Limousine kommen die vier Musiker an. Marschieren in Uniform zur Bühne. „Die Führer kommen“, verkündet ein Moderator. Da muss man schon mal schlucken. Als nächstes sieht man riesige Statuen der Bandmitglieder im nordkoreanischen Stil. Man kommt aus dem Schlucken gar nicht heraus. Sätze fallen wie: „Berlin, willst du mir einen blasen?“

Dann beginnen sie mit ihrer Hymne für Deutschland, wie die Vier sie betiteln: „Das Kannibalenlied“. Der HipHop-Beat ist mitreißend, die Bässe dröhnen. Raketen und Papiergeld fliegen durch den Himmel. Und das Publikum feiert, trotz Regen. Ob unter Schirmen, mit Regencapes oder klitschnass, die Fans sind beeindruckend textsicher, nicht nur bei den Hits wie „Urlaub fürs Gehirn“.

„Berlin, ich hasse euch“

Und die Männer auf der Bühne heizen weiter ein, provozieren: „Ich komm umsonst in den Club, denn ich bin Adolf Hitler, Seiten-Scheitel-Swag, ja ich bin ein Hipster“, rappt Nico Seyfrid. Der Humor ist grenzwertig, wird doch das Publikum auch noch aufgefordert, die Arme zu heben. Und es wird keinesfalls harmloser.

Die Drei stehen auf einem Podest inmitten der Menge, vor jedem ein Rednerpult. „Berlin, ich hasse euch“, verkündet Maxim Drüner. Er spreche das aus, was viele denken. „Und deswegen haben Nico und ich beschlossen am 18. September für das Bürgermeisteramt zu kandidieren.“ Die Menge bricht in tosenden Applaus aus.

Ein Diss im Bademantel

K.I.Z. versuchen, seit ihrem ersten Album „RapDeutschlandKettensägenMassaker“ (2005) mit abgedroschenen Rapper-Sätzen politisch zu polarisieren. Wofür die Abkürzung K.I.Z. genau steht, ist ungewiss. Für „Kannibalen In Zivil“, „Kriegsverbrecher In Zwangsjacken“ oder „Künstler Im Zuchthaus“ – je nachdem, was den vier Männern gerade einfällt. Seit sie 2007 mit Prinz Pi und Kollegah auf Tour gingen, geht es mit den Berlinern bergauf.

Auch an diesem Abend ist die Stimmung einzigartig. Berlin feiert die Band und lässt sich auf die Ironie ein. Nach über fünf Zugaben erscheinen K.I.Z. in Udo-Jürgens-Manier mit schwarzen Bademänteln, um ihr „Hurensohn“ auf die Melodie von „We Are The World“ dahin zu schmachten. Ein letzter Diss.

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