Fernsehen

Nach der Sommerpause: Der „Tatort“ im Experimentier-Modus

Nach langer Pause startet endlich die neue „Tatort“-Saison. Es gibt viel Innovatives, das auch spalten könnte, und ein Großjubiläum.

Foto: WDR/Martin Valentin Menke

Die Fernsehnation kann aufatmen. Elf Wochen lang musste sie auf den „Tatort“ verzichten, elf Wochen lang musste der klassische Sonntagabend ohne die berühmte Titelmelodie und das Fadenkreuz im Auge auskommen. Das hatte schon auch, aber nicht nur mit der Fußball-WM und den Olympischen Spielen zu tun. Im Sommer, wenn die Deutschen im Urlaub sind, gibt es keine starken Quoten, da mag kein ARD-Sender einen „Tatort“ verheizen. Womit Daheimgebliebene doppelt geprellt sind.

Aber am heutigen Sonntag startet Deutschlands älteste und beliebteste Fernsehreihe in die neue Saison. Sie tut das gleich mit einem Schocker: Im Kölner Fall „Durchgedreht“ wird ein Mädchen Zeuge, wie seine Mutter und sein kleiner Bruder ermordet werden, und kann danach kein Wort mehr sprechen. Das wühlt nicht nur die Zuschauer auf, sondern auch die altgedienten Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), die diesmal mit vertauschten Rollen agieren: Schenk, sonst der Polterer, gibt hier den Feinfühligen, während Ballauf aus der Haut fährt. Für Mätzchen an der Currywurstbude, das sei Til Schweiger gleich versichert, ist diesmal kein Platz. Aber der Fall ist doch vergleichsweise konventionell erzählt.

Das ist fast schon die Ausnahme. Denn die neue Saison ist nicht nur voller Highlights, sondern auch voller Experimentierlust. Auch auf die Gefahr hin, dass dies das Publikum polarisieren könnte. Gleich kommende Woche zielt der Stuttgarter „Tatort“ mit der Folge „HAL“ Richtung Science-Fiction: Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) müssen es hier mit einem außer Kontrolle geratenen Computer aufnehmen. Was nicht zufällig auf Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ und dessen Computer HAL 9000 anspielt. Und auch die Bremer Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) kriegen es in „Echolot“ mit einer tödlichen Maschine zu tun.

In den nächsten Monaten ermitteln die Kommissare nicht nur, sie geraten auch selbst ins Visier der Täter. Am 25. September steht der 30. Fall der absoluten „Tatort“-Lieblinge, den Münsteranern Börne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) an, aber aus der titelgebenden „Feierstunde“ wird nichts: Ein Killer hat es auf den schnöseligen Börne abgesehen. Ähnlich ergeht es auch dem Frankfurter Kollegen Felix Murot (Ulrich Tukur) in „Es lebe der Tod“ (20.11.).

Das schrägste Experiment hat wohl ein Berliner gewagt: Axel Ranisch, Trash- und Undergroundfilmer und Liebling der hiesigen Filmszene, hat mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal einen Improvisationskrimi gedreht. Ohne festes Drehbuch, dafür mit Laiendarstellern eines Amateurtheaters. Das dürfte den oft behäbigen Ludwigshafener Krimi kräftig durcheinanderwirbeln, könnte aber bei den Zuschauern anecken. Der neue Berliner „Tatort“ mit Meret Becker und Mark Waschke beendet dagegen erst mal seine Experimentierphase. Über die Einzelfälle hinaus wurde hier das sogenannte horizontale Erzählen erprobt, im vierten Fall wird das Dauer-Geheimnis um Kommissar Karow nun aber aufgeklärt.

Darüber hinaus werden in der Krimireihe wieder einige hochaktuelle Themen aufgegriffen. In der Wiener Folge „Die Kunst des Krieges“ (4.9.) geht es um Flüchtlinge und Schlepper, im Schweizer Fall „Freitod“ (18.9.) um das Reizthema Sterbehilfe, und gleich mehrere Fälle drehen sich um die digitale Welt, etwa wenn Axel Milberg als Kieler Kommissar Borowski in „Borowski und das dunkle Netz“, der 2017 ausgestrahlt wird, im Darknet ermittelt.

Das Personalkarussell, das sich in jüngster Zeit rasend schnell gedreht hat, ist dagegen etwas langsamer geworden. Eben erst hat Stefan Konarske in Dortmund hingeworfen, wohl weil gegen das Ober-Ego von Jörg Hartmanns zerrüttetem Kommissar Faber einfach kein Anspielen ist. Ansonsten verlässt demnächst nur noch Eva Mattes als Konstanzer Kommissarin Eva Blum den „Tatort“: Nach immerhin 15 Dienstjahren wundert sich die Berliner Edelmimin eher, dass sie es überhaupt so lange gemacht hat.

Ihr Abschied „Wofür es sich zu leben lohnt“ (18.12.) trumpft mit einem wahren Besetzungscoup auf: Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann, alle Fassbinder-Heroinen wie Mattes, die alle gemeinsam vor 44 Jahren in dessen „Bitteren Tränen der Petra von Kant“ vor der Kamera standen. Wäre jeder Konstanzer Krimi so prominent besetzt gewesen, man hätte ihn lieber geguckt. Es ist nicht nur das Ende von Frau Blum, sondern auch von Konstanz. Stattdessen soll künftig im Schwarzwald ermittelt werden, unter anderem mit Harald Schmidt.

Aber bis dahin steht erst mal noch ein großes Jubiläum an. Am 13. November wird die 1000. Sendung von Deutschlands ältester Fernsehreihe ausgestrahlt. Die Jubiläums-Folge trägt nicht zufällig den Titel „Taxi nach Leipzig“, so hieß auch die erste Folge, die fast genau 46 Jahre zuvor, am 29. November 1970, über die Monitore flimmerte, damals mit Walter Richter als Kommissar Trimmel.

Fall 1000 wird ein Crossover, in dem gleich zwei Kommissare, Maria Furtwänglers Charlotte Lindholm aus Hannover und Milbergs Borowski, im Taxi entführt werden. Gastauftritte absolvieren dabei Hans Peter Hallwachs und Günther Lamprecht, die beide schon bei Fall 001 mitgewirkt haben. Ein absolutes Muss der an Highlights nicht eben armen Saison.