„Fack ju Göhte“-Star

Jella Haase lässt sich nicht auf Chantal reduzieren

Ein Hammerfilm nach dem anderen: Die Berliner Schauspielerin über fordernde Rollen, lästige Fans und die Scham bei Nacktszenen.

Die Berliner findet Jella Haase cool: Die lassen sie meist in Ruhe, wenn sie unterwegs ist

Die Berliner findet Jella Haase cool: Die lassen sie meist in Ruhe, wenn sie unterwegs ist

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Als Chantal in den beiden „Fack ju Göhte“-Filmen wurde sie schlagartig einem Millionenpublikum bekannt. Dabei hat Jella Haase auch schon vorher, trotz ihrer jungen Jahre, mit hochdramatischen Rollen auf sich aufmerksam gemacht. Und jetzt erneut: Ab Donnerstag ist die 23-Jährige in „Looping“ zu sehen, in dem sie erneut, wie schon im Drama „4 Könige“ in einer psychiatrischen Abteilung landet. Wir haben die Schauspielerin in Kreuzberg getroffen.

Berliner Morgenpost: Frau Haase, zwei Filme hintereinander in einer psychiatrischen Abteilung. Müssen wir uns Sorgen um Sie machen? Das sind doch sicher sehr fordernde Rollen.

Jella Haase: Nein, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich liebe Filme und Figuren, die an Extreme gehen. Tatsächlich kam gleich danach noch ein Drehbuch, das in der Psychiatrie spielte. Da habe ich dann aber gesagt: Nein, das geht jetzt wirklich nicht mehr.

Sie hatten bei „Looping“ richtige Alpträume. Wie kämpft man dagegen an?

Ja, da war eine hohe Emotionalität, auf der ich mich die ganze Zeit bewegt habe. Mein Unterbewusstsein hat da ganz fiese Dinge angestellt. Da war ich sehr erschrocken. Da muss ich mich wohl besser schützen. Bei meinem neuen Film „Das Leben danach“ habe ich mich mit einem Coach vorbereitet, und der hat gesagt: Wenn man offen ist und durchlässig und sensibel – was man für solche Rollen ja sein muss –, dann passiert so was einfach. Aber man kann Formen finden und Rituale aufbauen, um dagegen zu wirken. Bei meinem neuen Film bin ich nach dem Drehen abends einfach immer noch laufen gegangen. Um mich auszulaufen. Um Distanz zu kriegen. Um diese körperliche Anspannung loszuwerden.

Sie hatten ja nie Schauspielunterricht. Wo holen Sie so was her?

Das muss ich natürlich aus mir selber holen. Ich glaube, ich kann mich ganz gut in andere hineinversetzen. Ich überlege dann immer, welche Gefühle kenne ich, die ähnlich sind, die authentisch wären. Aber ich kann nie genau sagen, ich habe dabei an das oder das gedacht. Das ist immer intuitiv. Das ist vielleicht auch ein Stück weit mein Geheimnis.

Betreibt man damit nicht Raubbau am eigenen Körper? Geht das nicht an die Substanz?

Ja, das ging mir jetzt bei „Das Leben danach“ wieder so. Das ist ein Drama über die Loveparade-Katastrophe in Duisburg, da bin ich wirklich an Grenzen gekommen, da habe ich zwei Wochen so viel Drama gespielt und so viel geweint, das ich irgendwann am Ende war. In der allerletzten Szene konnte ich nicht mehr, ich war einfach leer. Das ist aber auch okay, das muss man sich auch zugestehen. Ich muss jetzt erst mal runterkommen von diesem krass-intensiven Dreh, muss erst mal wieder Kraft sammeln, bevor ich mich in den nächsten Film stürzen kann.

Sind all diese fordernden Rollen auch eine Art Anti-Chantal? Um zu zeigen, dass Sie auch ganz anders können?

Nö. Ich suche mir Rollen nicht danach aus, um einer anderen entgegenzuwirken. Das macht keinen Sinn. Dann arbeitest du ja gegen dich selber an. Ich finde es eher spannend, darauf aufzubauen. Ich bin aber auch in der glücklichen Lage, dass man mich vor der Chantal ja schon aus sehr fordernden Rollen gekannt hat. Und das mir solche Rollen weiter angeboten werden. Es ist eher so, dass man dachte: Ach, die kann ja auch Komödie. Als zu denken: die kann wohl nur Komödie. Ich arbeite allerdings schon ein bisschen dagegen an, auf die Chantal reduziert zu werden. Natürlich wurden mir eine Menge solcher Rollen angeboten. Aber Chantal steht für sich, da will man keinen Abklatsch sehen, den will ich auch nicht geben.

Ist es nicht merkwürdig, fast schizophren, dass die fiktive Chantal ein eigenes Facebook-Profil hat?

Im Gegenteil. So funktioniert der Abstand viel besser.

Die Frage hören Sie jetzt wahrscheinlich dauernd, aber ich muss sie stellen, schon wegen meiner Nichten: Wird es denn noch einen dritten „Fack ju Göhte“-Film geben?

Mal schauen. Ich hätte Lust darauf. Aber mehr kann man zur jetzigen Zeit wirklich noch nicht sagen. Bora Dagtekin, der Regisseur, hat ja bislang noch nichts verlauten lassen. Und von ihm hängt alles ab.

Können Sie, nach den beiden sehr erfolgreichen „Göhte“-Filmen, überhaupt noch auf die Straße, ohne dauernd angesprochen zu werden?

Ich werde jetzt häufiger angesprochen. Aber es hält sich in Grenzen. Ich sehe privat ja ganz anders aus, ich lauf’ auch nicht so rum wie Chantal. Von daher bringen mich die Passanten auf der Straße vielleicht gar nicht so in Verbindung mit dieser Figur. Und wenn es doch mal passiert, dann ist das meist sehr respektvoll. Und nicht so übergriffig. Trotzdem: Wenn ich privat mit Freundinnen unterwegs bin und dann immer Leute kommen und sich mit dir fotografieren lassen wollen, ist das schon eine komische Situation. Von der man nicht immer weiß, ob man sie mag oder nicht doch suspekt findet.

Wie schützt man da seine Privatsphäre?

Ich wohne ja glücklicherweise in Berlin. Die Berliner sind da ziemlich cool, die lassen einen doch ziemlich in Ruhe. Man muss nur aufpassen, was man so erzählt. Ich habe da in der Vergangenheit vielleicht ein bisschen zu viel von mir preisgegeben, worüber ich mich nachträglich ein bisschen geärgert habe.

Wenn man so populär ist und so viele so junge Fans hat, hat man da auch eine gewisse Vorbildfunktion, spürt man da so etwas wie Verantwortung?

Wenn, dann ist mir das nicht so bewusst. Vielleicht will ich mir das auch gar nicht so bewusst vor Augen führen. Wenn ich jungen Mädels etwas vermitteln will, dann das Gefühl: Ihr seid ganz in Ordnung, so wie ihr seid. Das habe ich auch mir selber immer gesagt. Versucht nicht, irgendwelche Vorbilder nachzumachen. Versucht, ihr selbst zu sein.

Sie sind gerade der Star einer neuen, jungen Generation. Werden immer genannt, wenn schwierige Jugendparts zu besetzen sind. Werden Sie mit Mitte 20 nicht langsam zu alt für den Teenager?

Klares Nein. Solange man mir das abnimmt und zutraut, spielte ich das weiter. Natürlich würde ich keine 15-Jährige mehr spielen. Aber das Erwachsenwerden dauert ja noch etwas länger, und ich würde mich selbst auch noch nicht als erwachsen bezeichnen. Die Jugendzeit ist einfach eine sehr spannende Zeit, da prasselt so viel ungefiltert auf einen ein. Je älter man wird, desto mehr Filter baut man sich ein. Deshalb ist es spannend, sich noch Rollen hingeben zu dürfen, wo es keine solchen Filter gibt.

Wann genau wussten Sie eigentlich, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Ich hatte schon als Kind immer eine gewisse Spielwut. Aber als dann in meinem allerersten Kurzfilm die allererste Klappe über meinem Kopf geschlagen wurde, da wusste ich: Das will ich.

Haben Ihre Eltern Sie dabei unterstützt? Oder mussten Sie da erst mal Überzeugungsarbeit leisten?

Meine Eltern haben uns bei allem unterstützt, was wir machen wollten. Sie haben uns aber auch immer zu verstehen gegeben, dass es okay wäre, wenn man etwas nicht schaffen würde. Hätte das mit dem Filmen nicht geklappt, dann wäre das okay gewesen, dann hätte ich es zumindest ausprobiert. So habe ich erst einen Mut entwickelt, das überhaupt auszuprobieren. Bei meinem ersten Film hat meine Mutter gesagt: „Du, ich würde das nicht machen. Aber wenn du es willst, dann mache es.“

Das war der Kurzfilm „Der letzte Rest“, da hatten Sie gleich eine Gangbang mit einem Dutzend Jungs. Wenn man so was gemacht hat, sind alle Skrupel gefallen?

Genau. So ähnlich habe ich das damals auch meiner Mutter gesagt: „Wenn ich das kann, dann kann ich alles.“ Es hat mich einfach gereizt, so ins kalte Wasser zu springen.

Sie hatten schon in „4 Könige“ und jetzt auch in „Looping“ Nacktszenen. Sind das Drehtage wie andere auch oder kostet das Überwindung?

Das kostet schon Überwindung. Natürlich habe ich da auch ein Schamgefühl. Andererseits möchte ich mich auch ganz in eine Rolle hineinwerfen. Und wenn es in der Geschichte Sinn macht, dann bin ich auch bereit, mich soweit als Schauspielerin zu sehen, dass mein Körper da halt dazugehört. Ich glaube mal, ich habe ein ganz gutes Körperbewusstsein vermittelt bekommen. Und sehe auch keinen Grund darin, mich da zu verrückt zu machen.

Auch nicht, wenn die „Bild“-Zeitung so ein Bild dann gleich groß druckt?

Na, das ist halt die „Bild“-Zeitung. Ich kann mich immer nicht entscheiden, ob mir das unangenehm oder nicht doch eigentlich total egal ist. Ich hoffe mal, aus „Looping“ wird jetzt kein Bild nachgedruckt, das wäre noch mal expliziter. Aber die Bilder sind ja auch aus gutem Grund nicht freigegeben, die darf man nicht einfach so aus dem Zusammenhang reißen.

Sie lassen sich nach wie vor von unbekannten Nachwuchsregisseuren begeistern. Andere Schauspieler, die in Millionenhits mitspielen, sind da womöglich exaltierter.

Natürlich ist es toll, mit bekannten Leuten zusammenzuarbeiten, das will ich gar nicht abstreiten. Ich würde mich auch freuen, wenn mal ein Leander Haußmann auf mich zukommen würde. Ich mag die Ideen, mit denen junge Regisseure Etabliertes aufbrechen. Debüts sind oft ein Geschenk. „Kriegerin“ war ein Debüt. „Lollipop Monsters“ auch. Da sind die Leute noch total mutig. Und letztlich geht es ja nur um die Geschichte, die man erzählen will.