Tempodrom

Morrisseys Deutschland-Konzert beginnt mit einem Gong

Im Tempodrom spielte Morrissey sein einziges Deutschland-Konzert. Er beweist, dass er seine Entertainer-Qualitäten perfektioniert hat.

Vor dem Konzert macht das Gerücht die Runde, es könnte eines der letzten von Morrissey sein. Erst vor wenigen Tagen hatte der ehemalige Smiths-Sänger einem israelischen Newsportal erzählt, dass ihn die Behandlung seiner 2014 bekanntgemachten Krebserkrankung doch mehr ausgelaugt hätte als erwartet. „Wenn mir noch mehr Blut abgenommen wird, raste ich aus“, erklärte der 57-jährige. Sollte der bissige, ewig gegen Politiker und Fleischesser grantelnde Popstar, einer der letzten seiner Art, wirklich am Ende seiner Kräfte sein?

Als das Konzert im Tempodrom, sein einziger Deutschland-Termin dieses Jahr, um Punkt neun mit dem Schlagen eines ohrenbetäubenden Gongs beginnt, ist von einer krankheitsbedingten Ausgezehrtheit nichts zu spüren. Ja, der einst volle, bei Elvis abgeguckte „Quiff“-Haarschnitt ist heute kaum mehr als ein drahtiger, grauer Büschel. Den Song „Suedehead“, einer der ersten Hits seines Solowerks, singt Morrissey dennoch mit jung gebliebener, kräftiger Stimme, die direkt aus dem Resonanzraum seines unter dem schwarzen Sweatshirt gut sichtbaren Bäuchleins zu kommen scheint.

Mehr Ausdruckskraft als eine Indie-Band

Man könnte Morrissey vorwerfen, er habe sich in den vergangenen 30 Jahren kaum weiterentwickelt. Man könnte aber auch sagen, er habe in dieser Zeit seine Entertainer-Qualitäten so sehr perfektioniert, dass heute in seinen sich hebenden und senkenden Augenbrauen mehr Ausdruckskraft steckt als in der ganzen Show einer durchschnittlichen Indie-Newcomerband.

Auch aus seinem politischen Engagement hat Morrissey in über 30 Karrierejahren nie die Dringlichkeit und Schärfe genommen. Der Song „Ganglord“ wird auf der Bühnenleinwand von Polizeigewalt-Aufnahmen begleitet, die, dicht zusammengeschnitten als seien es „Amerikas lustigste Homevideos“, noch unerträglicher als ohnehin erscheinen. Vorm Song „World Peace Is None of Your Business“ folgt dann die erste politische Ansage in typisch verbohrter Kompromisslosigkeit: „No Trump, No Clinton, No Election!“, ruft Morrissey. Später vergleicht er noch George W. Bush und Tony Blair mit „einem gewissen Herrn Adolf“.

Großmäuliger Prolet und verzärtelter Melancholiker

Die Fans in Berlin gehen ganz im Charisma ihres Idols auf, das schon immer die perfekte Schnittstelle zwischen großmäuligem Proleten und verzärteltem Melancholiker verkörperte. Einige Zuschauer ahmen Morrisseys große Gesten nach, übertreiben sie sogar noch. Bei „I'm Throwing My Arms Around Paris“ rudert ein Mann auf den Rängen diktatorhaft mit den Armen, als würde er gerade Morrisseys Texte simultan in eine Rede an sein Volk übersetzen. Morrisseys großes Erfolgsgeheimnis seit den Anfängen mit The Smiths war ja vor allem auch das große Identifikationspotential, das in seinen Texten steckte.

Live fällt wieder auf, wie viele hart rockende Stücke der introspektiv textende Sänger im Lauf seiner Solo-Karriere geschrieben hat. Mit sechsköpfiger Band klingt besonders das späte Œuvre noch krachender, die Gitarren noch kreischender, fast sägend, was aber auch an der bisweilen schmerzhaft übersteuerten Raumakustik liegen mag. Nur Morrisseys weiche Stimme hält den Lärm zusammen, glättet die Kanten, überragt stilsicher die ins Trommelfell platzenden Wogen.

Besonders hart wird der Sound bei „Meat Is Murder“ dem ersten, und neben „What She Said“ einzigen Smiths-Song des Abends. Bilder einer koscheren Schlachtung erscheinen auf der Leinwand, reihenweise verblutende Schafe mit aufgeschlitzten Kehlen. Dann Küken im Schredder und auf dem eigenen Blut dahingleitende abgeschnittene Kuhköpfe. „This beautiful creature must die/ A death for no reason“ singt der militante Tierschützer mit Wut in der Stimme, wobei er das „R“ in „Murder“ wie in einem Mantra immer wieder mit Nachdruck ausrollt.

Energie geht nicht aus

Das Ende des Stücks verbringt der Sänger mit dem Rücken zum Publikum vorm Schlagzeug kauernd, während große Buchstaben auf der Leinwand auf deutsch eine Frage stellen: „Was ist Ihre Entschuldigung?“ Den Gästen, die noch vor Konzertbeginn im Eingangsbereich unweit des Peta-Informationsstandes Hotdogs verzehrten, müsste es, wenn es nach Morrissey ginge, jetzt eigentlich vor Schreck und Scham hochkommen.

Bei „Everyday is like Sunday“ wird es anschließend wieder etwas versöhnlicher. Der frühe Hit aus dem Jahr 1988 wird frenetisch mitgesungen, während Morrissey mit der rechten Hand gönnerhaft durch die sich ihm entgegenreckenden Arme der ersten Reihe streift. Die Energie scheint ihm auch nach anderthalb Stunden nicht auszugehen. Vor der letzten Zugabe "Irish Blood, English Heart" hat er immerhin den Pullover bis auf ein langärmeliges Hemd ausgezogen. Wenn dieses Konzert tatsächlich Teil einer Abschiedstournee gewesen sein soll, ist Morrissey definitiv noch nicht reif dafür.