Konzert

Rihanna steigt vor 13.000 Menschen in Berlin in den Ring

Rihanna hat in Berlin ihre Europa-Tour beendet. Sie trat in der der Mercedes-Benz-Arena auf wie eine Boxerin.

Rihanna tritt auf wie eine Boxerin

Rihanna tritt auf wie eine Boxerin

Foto: Steve C Mitchell / dpa

Sie läuft in die Halle ein wie eine Boxerin. Schreitet im weißen Bademantel durch das Publikum. Kapuze auf dem Kopf. Ihr Ring, die Bühne, bleibt zunächst unbespielt. Auf einem weißen, mit Bettlaken verhangenen Quader singt sie ihren 2013er Hit „Stay“ - ohne Sänger Mykki Ekko. Der Song endet im Applaus der Masse. „Love The Way You Lie“ stimmt sie an. Das Publikum fliegt mit dem Hit kurz in ein Stimmungshoch. Jäh dreht Rihanna ihnen die Serotonin-Zufuhr wieder ab. Lied und Laune gehen aus, bevor sie richtig begonnen haben.

Das Thema des Abends ist ab hier schon klar. Rihanna springt wie ein YouTube-Konsument durch ihr eigenes Œuvre. Und es ergibt Sinn, dass eine der erfolgreichsten Künstlerinnen unserer Zeit das tut. Denn ein zeitgemäßer Popstar muss tun, was zeitgemäß ist. Das Album ist tot. Die Kids wollen nur Hits, und von denen am liebsten auch nur den Refrain. Rihanna liefert. Sie ist keine klassische Albumkünstlerin, sie ist ein Feature-Popstar. Von vielen ihrer Songs bleibt ihr live nur der Refrain.

Drake, David Guetta, Eminem, Kanye West, Paul McCartney, Mikky Ekko und Calvin Harris – all diese Künstler fehlen an diesem Abend. Und Rihanna ersetzt sie nicht. Sie weiß, ihre Marke, das ist ein Musikangebot wie ein Hit-Radio. Aus jeder kommerziell erfolgreichen Musiksparte - Urban, Rock, Pop, Dance und House - ist was dabei. Aber ein Konzert darf sich nicht wie eine Autobahnfahrt mit Radio Energy anfühlen. Also gießt sie ihre Hits in eine alles verschmelzende Live-Form. Und die donnert laut. E-Gitarren schließen Lücken zwischen zwei Liedern. Die kräftige Stimme der Sängerin geht oft, wie ein Sample, im lauten Live-Getöse unter.

Ein Drittel Glamour, ein Drittel Kampf und Krieg, ein Drittel Stripper

Der kräftigen Musik gegenüber bildet die Bühne den Ruhepunkt. Es gibt keinen Bühnenhintergrund. Die Sängerin steht im kargen Weiß, trinkt aus einer weißen Sportflasche. Die Band ist weiß gekleidet, und die Hintergrundsängerinnen sind es auch. „Bitch Better Have My Money“ heißt ein Lied, das sie singt. Längst schon ist es ein Internet-Meme - also ein digital geflügelter Spruch.

Rihannas Bühnenoutfits bestehen konsequent aus einem Drittel Glamour, einem Drittel Kampf und Krieg sowie einem Drittel Stripper. Rihanna, das ist die, bei der alle losen Enden unserer Zeit mit einer heißen Nadel zusammengeflickt werden. Ihren Hit „Diamonds“ widmet sie so den Opfern des Amoklaufs in München und all denen, die ihre Musik kaufen. Das macht sie, ganz unschuldig, in einem Atemzug. Die Leinwände zeigen wehende deutsche Flaggen. „Bright“ wie ein „Diamond“ beginnen die Handydisplays zu scheinen. Das Publikum feiert sich selbst und gedenkt zeitgleich der Opfer. Das ist nicht komisch, das sind die schon so gewohnt - aus dem Internet. Ein Like für ein R.I.P., zwei Likes für Rihanna und alles sowieso für einen selbst.

Ein solcher Abend ist für Rihanna „Work“

Für Rihanna ist der Abend „Work“. Ihren aktuellen Hit singt sie ohne Rapper Drake. „Work“ lässt sie lässig die Knie öffnen und schließen. Work, das ist für sie Tanz und Gesang. Work, das ist ihr eigener Körper, der im täglichen Kampf mit der öffentlichen Meinung immer gestählt sein muss. Work, das ist ihr Hintern, den sie gegen die Glasscheiben einer Hebebühne presst. Work, das ist aber auch die Musik, die sie macht. Hinter all diesen Hits, wer ist eigentlich Rihanna?, fragt man sich.

Am meisten bei sich wirkt sie, wenn sie soulige Töne anstimmt wie bei „Love On The Brain“, das sie fast wie Amy Winehouse klingen lässt. Nicht glauben kann man ihr, wenn sie sagt: „Berlin, jetzt kommt mein Lieblingsteil der Show: Der Party-Teil!“ Während des Dance-Segments leuchtet die Bühne in Regenbogenfarben. Und immer, wenn der Beat ganz besonders schlimm wummert, geht sie, überlässt das Kampffeld den sich elegant über den Bühnenboden grätschenden Tänzerinnen.

Zum Schluss fällt dann doch noch eine Art Kulisse in die Bühnenleere. Er sieht aus wie ein übergroßes Stück Frischhaltefolie. Zeigt mal Lava, mal Seifenschlieren. Was immer man halt auf ihn draufprojizieren mag. Da ist er ganz wie die Sängerin: vielfältig einsetzbar.