Kultur

Rhythmus des Großstadtalltags

Bei„Tanz im August“ studiert Choreograf Sebastian Matthias das Gewusel seines Publikums

Er ist vielleicht schon fast so etwas wie ein kultureller Bezugspunkt der rast­los hohldrehenden Großstadt geworden: der farbige Raumpfleger, der geruhsam durch die Gänge der Büros und Bahn­höfe zieht, wenn auch der letzte Krawattenträger die After-Work-Party, das ­letzte Pärchen den Club verlassen hat. Es ist der einzige Moment, zu welchem die ameisenhaften Passanten Ruhe geben.

Der Choreograf Sebastian Matthias beginnt seinen Abend „x / groove space“ bei dem Festival „Tanz im August“ in den Sophiensälen als Vorspann im Foyer mit eben diesem Topos des schwarzen Müllmanns. Ruhe wird es dann im eigentlichen Saal für das Publikum kaum geben – zunächst einmal keine Stühle. Der DJ in der Mitte des schwarzen Raums gibt Signale an die verteilt angebrachten Neonröhren. Mit jedem Klick aus dem Lautsprecher leuchtet eine andere auf und zeigt zunächst in blitzartigen Schlaglichtern, wie wir unseren draußen von der Straße mitgebrachten hektischen oder schlurfenden, in jedem Fall aber gnadenlos zielgerichteten Gang hier fortsetzen, sobald wir einmal nicht sitzen dürfen.

Sieben Tänzerinnen und Tänzer schälen sich allmählich mit merkwürdig steifen Um-sich-selbst-Drehungen aus der Menge heraus, wie von selbst bilden sich dabei Trauben, sobald jemand aus dem Publikum wieder einen von ihnen entdeckt hat, der wie ein Stock im geschäftigen Getriebe steckt. Die Tänzer wirken wie rhythmische Schläge im ­Gewusel.

Der Choreograf Sebastian Matthias hat über drei Jahre die „urbane Dauerchoreografie“ der Metropolen untersucht. In verschiedenen Städten, von dem weit entfernt liegenden Jakarta über Tokyo bis nach Zürich und Berlin, bringt er Zuschauer und Tänzer mittels ortstypischer Bewegungsformen zueinander, lässt sie aber auch in ein Spannungsverhältnis treten. Was diese Einbeziehung des Publikums von herkömmlichen Versuchen ähnlicher Art unterscheidet: Die Tänzer treten tatsächlich mit den Zuschauern in persönliche Beziehung, tauschen Blicke und Berührungen aus, wechseln ein Wort, ja die Andeutung eines Flirts.

Die Aktion ist so überraschend, dass niemand über sich selbst hinauswachsen, sondern sich wie immer verhalten wird: verschüchtert, gleichgültig, zugewandt, libidinös, aggressiv, ablehnend, in der Summe kommt hier alles auf einmal. Das Publikum im Saal ist die Welt, die Tänzer bringen sie zum Schwingen.

Die rhythmische Komposition von pluralistischem Großstadtalltag in der U-Bahn, in der Shoppingmall, im Park folgt einer erfrischend klaren Struktur, ähnlich einer klassischen Klaviersonate mit einer Einleitung (Müllmann), Exposition des Themas (Irritation der Passanten), seiner konflikthaften Durchführung sowie einer danach veränderten Wiederholung des Themas. Der Konflikt im Zenit ist eine Konfetti-Schlacht sowie das große kollektive Ausfegen danach – Aktionen, zu denen sich alle Anwesenden irgendwie verhalten müssen. Sebastian Matthias komponiert Zusammensein, Anwesenheit. Die ziellose Zufälligkeit unseres modernen Daseins wird erstaunlich souverän in Kunst gefasst.