Film

Isabelle Huppert muss noch mal ganz von vorn anfangen

In „Alles was kommt“ bricht das Leben einer Philosophielehrerin zusammen. Isabelle Huppert macht dieses Drama zum Ereignis.

Muss sich noch mal ganz neu orientieren: Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert)

Muss sich noch mal ganz neu orientieren: Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert)

Foto: Weltkino

An ihrer Schule wird gestreikt, aber das hält die Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) nicht davon ab, ihre Schüler durch die Streikposten durchzukämpfen, um mit ihnen die wahren Werte des Lebens zu diskutieren, Rousseaus Gesellschaftsvertrag als Grundlage der Französischen Revolution. Privat aber zerbröselt das bisheriges Leben der Pädagogin in Kürze in sich zusammen.

Die Kinder sind aus dem Haus. Die Mutter muss ins Heim. Ihr Verlag will ihre renommierte Aufsatzsammlung aus dem Programm nehmen. Und dann erklärt ihr auch noch ihr Mann Heinz (André Marcon) – nicht freiwillig, sondern auf Drängen der Tochter – nach 25 gemeinsamen Ehejahren, dass er eine neue Liebe gefunden hat. Von allen Seiten, so scheint es, wird der Frau um die 60 der Gesellschaftsvertrag aufgekündigt.

sabelle Huppert, eine der ganz großen Musen des französischen Kinos, steht ja eher für starke, autarke, kämpferische Frauenfiguren, die genau wissen, wo es lang geht, und ihre Mitmenschen mit ihren Entscheidungen düpieren. Ei ne so reaktive Figur wie diese Nathalie ist da eher untypisch, das macht die Besetzung aber wieder sehr spannend.

Und wie immer kann man der Huppert, die sich große Gefühlsäußerungen wie gewöhnlich eher auf den Lippen verbeißt, jede kleinste Regung von den Augen ablesen, glaubt man sie gar durch ihre transparente, ätherische Haut förmlich hindurch zu fühlen.

Dabei scheint diese Nathalie an ihrer Ehe eigentlich nur das schöne Landhaus ihres Gatten zu vermissen. Und ihre Philosophiebücher mit all ihren Notizen, die der Ex bei seinem Auszug mitgenommen hat. Das einzige, was ihr bleibt, ist die schwarze Katze ihrer Mutter mit dem sehr symbolschweren Namen Pandora. Und die Freundschaft zu ihrem Doktoranden Fabien (Romain Kalinka).

Wer nun glaubt, die Verlassene würde sich in eine Romanze mit dem Jüngeren verlieren, irrt freilich. Die Philosophie-Expertin, mit den großen Fragen des Hierseins bestens vertraut, muss plötzlich ihr eigenes Leben neu sortieren. Und mit all den Freiheiten, die sich ihr bieten, erst einmal umgehen lernen.

Die Filmdramen der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løve handelten bisher eher von Heranwachsenden und deren noch kompromisslosen Sicht aufs Leben. Mit „Alles was kommt“ wagt sie erstmals einen Perspektivsprung – womit sie auch das Eheleben ihrer eigenen Eltern, die ebenfalls beide Philosophielehrer waren, verarbeitet. Dabei geht es ihrem Film ein bisschen wie der Hauptfigur: Er weiß nicht genau, was er mit all den Freiheiten anfangen soll. Aber diese scheinbare Dramaturgieschwäche spiegelt eben nur den Konflikt der Protagonistin wieder.

La Huppert, die man doch schon zu kennen glaubte, überrascht einmal mehr mit neuen Tönen und Nuancen und überstrahlt auch kleine Ungenauigkeiten oder allzu aufgesetzte Drehbuchideen mit ihrem ausdrucksstarken Spiel. Um diese Frau muss man sich wirklich keine Sorgen machen. Ihren Weg verfolgt man dennoch gern.