Kultur

Als in New York die Jugendkultur erfunden wurde

Baz Luhrmanns grandiose Serie „The Get Down“ auf Netflix

In dieser meist knallbunten, wogenden, schnellen und lauten Serie ist der Wert einer Schallplatte oder Kassette kaum zu bemessen. Beide Objekte kursieren als Raritäten in den Straßen der Bronx. Aber wie: Die Platte fliegt durch Lüfte und wandert durch Hände, sie ist ein Fetisch und umfasst die ganze Vorstellungswelt der Jugend. Man prügelt sich für eine Platte. Und man tötet fast für ein Tape von Grandmaster Flash.

Zumindest ist das in „The Get Down“ so, der jetzt auf dem Streaming-Dienst Netflix laufenden Serie, die von der Geburtsstunde des Hip-Hop erzählt und vom Aufstieg des Disco-Sounds. Sechs Teile sind bereits zu sehen, der zweite Schlag kommt demnächst, und der Hype, der Baz Luhrmanns erster Arbeit für den kleinen Bildschirm umgibt, hat viel mit den Produktionskosten zu tun. Angeblich hat jede der zwölf Folgen siebeneinhalb Millionen Dollar gekostet. Und das merkt man dieser überwältigenden TV-Großtat von Luhrmanns („Romeo und Julia“, „Australia“) auch an.

Mit größtenteils unbekannten Schauspielern werden hier anhand des jugendlichen Liebespaars Ezekiel Figuero (Justice Smith) , einem Alltagsdichter, und Mylene Cruz (Herizen F. Guardiola), einer Sängerin, die Leidenschaft für Popmusik und amerikanischen Aufstiegsträume ins Werk gesetzt. „The Get Down“ ist dabei als Musical-Drama, in dem die gesungenen und gerappten Passagen die Handlung vorantreiben, ein dichtes Schauspiel mit hohem Musikanteil. Die opulente Hip-Hop-Oper setzt dabei nicht nur auf die heute für die jüngere Generation gänzlich verblassten Reize des Ding-Zeitalters, sie setzt auch auf den Charme eines anderen New York als das, was wir heute kennen.

Die Discos fiebern und die sich zusammenfindenden Hip-Hop-Communities feiern in „The Get Down“, dessen Handlung 1977 einsetzt, in einer ruinierten Stadt, in der etwa die Bronx vor allem Brachland ist, aber auch die besseren Stadtviertel weniger gelackt sind als heute. Das derangierte New York einer vergangenen Epoche ist genau der richtige Ort – es wird oft in technisch verwittert aussehenden Originalaufnahmen gegen die Spielszenen geschnitten – für ein bildgewaltiges Epos, das die Ursprungslegenden der modernen Jugendkultur aufgreift. Mit Grandmaster Flash setzt die Serie dabei ebenso ein Denkmal wie Kool DJ Herc.

„The Get Down“ ist voller Action und Thrill, hat gute Schauspieler und ist sehr, sehr genau mit den Kulissen und dem Style der Zeit. Noch mehr emotionale Zugewandtheit verdient aber die goldene kreative Epoche, die hier porträtiert wird. Sie provoziert einen geschichtlichen Neidreflex. Wo damals in einer glücklichen Pop-Phase völlig neue Ausdrucksformen gefunden wurden, herrscht heute Stillstand.

„The Get Down“ läuft im Internet auf Netflix