Musik

„Rockmusik ist eine altgewordene Kunstform“

Flea, der Bassist der Red Hot Chili Peppers, über das neue Album, alten Ruhm und die Zukunft der Band

Michael Peter Balzary ist sein richtiger Name, unter dem Namen Flea ist der Bassist der Red Hot Chili Peppers bekannter. In diesem Sommer hat die Band mit „The Getaway“ das erste Album seit fünf Jahren herausgebracht, am 3. November wird sie in Berlin in der Mercedes-Benz Arena spielen.

Das neue Album kommt für Red-Hot-Chili-Peppers-Verhältnisse relativ sanft daher.

Flea: Ich selbst kann es noch extrem schlecht einschätzen, was wir da eigentlich genau gemacht haben. Ich weiß nur, dass wir etwas wirklich Schönes geschaffen haben. Wie das Album bei den Leuten ankommen wird, kann ich überhaupt nicht beurteilen. Ich kann aber sagen: Für mich klingt diese Platte nach Bewegung, nach Veränderung und Entwicklung. Wir sind als Band gewachsen, und das höre ich in diesen Songs.

Wie wichtig ist Ihnen der Verkaufserfolg von „The Getaway“?

Will ich, dass diese Platte ein gigantischer Erfolg wird? Klar, und ob ich das will! Wie fantastisch wäre es doch, als Band noch einmal ein kulturelles Phänomen zu sein. Den Zeitgeist abzubilden. Doch ich glaube eher nicht, dass das geschehen wird.

Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Red Hot Chili Peppers auf ihre alten Tage noch einmal angesagt sein werden.

Ja, äußerst unwahrscheinlich sogar. Wir sollten besser nicht darauf warten. Ich rechne auch nicht damit.

Ist es überhaupt möglich, dass Musiker über 50 noch einmal total hip werden?

Wir sind in einem ungünstigen Alter. Wenn wir noch zehn oder 20 Jahre durchhalten, finden uns bestimmt alle wieder supercool. Bei uns war die heißeste Phase 1991 seinerzeit mit der „Blood Sugar Sex Magik“-Platte 1991 erreicht. Immerhin gab es uns da schon seit acht Jahren. Als die Red Hot Chili Peppers so groß wurden, ging es nicht mehr nur um die Musik. Die Musik war gut, keine Frage, wir hatten unseren ganz eigenen Sound kreiert. Die Red Hot Chili Peppers waren eine Erscheinung. Und dann hat sich diese Aufregung wieder gelegt, und wir haben weitere Alben gemacht, ohne eine kulturelle Sensation zu sein. Es ging dann wirklich einzig nur noch um die Musik, und die Musik war gut. Und nur weil die Musik gut ist, sitzen wir heute noch hier. Sie hatte Kraft, und sie hat die Menschen berührt.

Warum haben Sie Brian Burton alias „Danger Mouse“ als Produzenten des neuen Albums verpflichtet?

Aus vielen Gründen. Der wesentliche Grund war, dass wir es uns mit Rick Rubin ziemlich gemütlich gemacht hatten. Zu gemütlich. Wir wollten einen neuen Weg finden, unsere Songs umzusetzen, und dazu war ein anderer Produzent notwendig. Brian hat uns dazu gebracht, Dinge zu tun, die wir vorher so nicht getan haben. Der ganze Aufnahmeprozess war anders, was uns sehr gutgetan hat.

Sie haben sich vor anderthalb Jahren den Arm gebrochen, was die Albumaufnahmen monatelang gestoppt hat.

Ja, hier, schauen Sie mal. Dieser Knubbel am Ellbogen ist eine Schraube. Der Knochen guckte richtig raus, und man musste viel Metall in meinen Arm einbauen. Sah verdammt übel aus, dick und blutig, und dann dieser Knochen. Aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.

Wie ist das passiert?

Ich bin blöd gefallen beim Snowboarden in Montana. Das erste, woran ich mich nach dem Unfall erinnere, ist, wie ich im Krankenwagen lag, stöhnte und halb weggetreten war. Und auf einmal steckt Anthony Kiedis, unser Sänger, seinen Kopf rein und schaut mich an. Da fing ich an zu heulen und konnte kaum noch aufhören.

Sie haben vor kurzem in einem Interview gesagt, dass Rockmusik tot sei, und dafür sehr heftige Reaktionen im Internet geerntet. Hatten Sie damit gerechnet?

Nein. Ist mir auch komplett egal, was andere zu dem Thema denken. Es ist nun einmal so, dass Rockmusik eine ziemlich altgewordene Kunstform ist. Die herausragende Rockmusik passierte zwischen den 50er- und den 80er-Jahren, vielleicht noch kurz danach. Aber seit Grunge ist Schluss. Also, egal was die Leute von mir halten, ich stehe zu meiner Aussage: Rock ’n’ Roll ist tot.

Können Sie sich ein Leben ohne die Red Hot Chili Peppers vorstellen?

Die Frage kann ich nicht beantworten. Im Moment würde mir das schwer fallen. Aber werden wir eines Tages merken, dass wir zu alt sind und dass wir die nötige Leidenschaft und Intensität für die Bühne nicht mehr aufbringen können? Ich weiß es nicht. Alles, was wir können, ist im Jetzt zu leben. Ich bin einfach sehr glücklich darüber, Teil dieser Band und Teil dieses Organismus zu sein, der so lebendig ist. Die Red Hot Chili Peppers sind für mich das größte emotionale Kraftfeld, das ich mir vorstellen kann.