Kultur

Animierte Architektur

Eigentlich sind sie nur Abfallprodukte: Doch nun können die Stadtbilder für japanische Anime-Filme auch im Museum betrachtet werden

Blau ist die Zukunft im Japan der 90er-Jahre. Modern, hoch und glatt ragen die Wolkenkratzer der „Blauen Stadt“ in den Himmel. Für diese schöne Zukunftsvision müssen die im Vergleich zwergenhaft wirkenden Holzhäuser der alten Quartiere weichen. An Flussläufen gelegen, bilden sie Viertel aus mäandernden Gassen. Gegenüber den aufgeräumten Neubauvierteln wirken sie wie Fossile einer fernen Vergangenheit, mit Seele, aber dem Abriss geweiht. Das jedenfalls ist das Setting, das Regisseur Mamoru Oshii für seinen von Manga-Comics inspirierten Anime-Film „Patlabor“ von 1989 gewählt hat. Die Vorlage für den architektonischen Hintergrund der Handlung, die sich um Amok laufende Roboter dreht, bildete die Stadt Tokio. Zur Vorbereitung des Films begab sich Oshii mehrfach auf Erkundungstour durch die Tokioter Altstadt und die Neubaugebiete. Die Bauarbeiten für den Stadtteil Odaiba hatten bereits begonnen. In „Patlobor“ befindet sich auf solch einer künstlichen Insel eine Roboter-Produktionsanlage.

Ein Merkmal von Oshiis Anime-Filmen sind die aufwendig hergestellten Architekturbilder im Hintergrund. Das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation zeigt nun die Originalzeichnungen und Layouts, aus denen die Hintergrundbilder für die Filme entstanden. Faszinierend genau sind die Gebäude und Kontraste festgehalten. Hochhausschluchten stehen der atmosphärenreichen Altstadt gegenüber. Dass die Blätter überhaupt zu sehen sind, grenzt an Wunder, werden sie im Produktionsprozess doch eher als Abfallprodukt gesehen. Tausende und Abertausende sind entstanden, in allen erdenklichen Einstellungen wurde die Architektur festgehalten und überlegt, wie die Figuren davor agieren. Besondere Tiefe haben die Zeichnungen von Hiromasa Ogura, der als künstlerischer Leiter die farbigen Hintergrundbilder schuf. Bei ihm wird die Stadt im Umbruch lebendig, mit klarer Sympathie für die zum Abriss bestimmten Viertel.

Spannend ist auch zu sehen, wie komplex der Entstehungsprozess eines Anime-Films ist. Mit Bleistiftzeichnungen werden Schauplatz und Handlung skizziert, die Architektur wird festgelegt. Mit dem farbigen Imageboard für eine Szene wird die Farbpalette definiert. Im Layout, einer Vorzeichnung, werden schon präzise Angaben zu Orten, Objekten, Stellung der Figuren und Kameraeinstellung gemacht. Die Layoutzeichnungen von Takashi Watabe und Atsushi Takeuchi für „Patlabor“ und „Ghost in the Shell“ – ein Klassiker des Anime-Films – sind schon voller Details. Beim Vergleich der Layouts mit Oguras kolorierten Hintergrundbildern kann man entdecken, dass die Entstehung dieser Bilder für den Film eine eng abgestimmte Teamleistung war. Einige Ausschnitte aus den Anime-Filmen zeigen, wie die Architekturzeichnungen zum Schluss in das Endprodukt einfließen. Die von Hand gefertigten Zeichnungen geben den Filmen ihre Tiefe und Seele. Bei „Ghost in the Shell“ stand übrigens nicht mehr Tokio Pate für die Architekturbilder, sondern Hongkong. Für japanische Zuschauer war die Stadt offenbar gerade fremd genug, um eine ferner in der Zukunft liegende Handlung plausibel zu machen.

Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung. Christinenstr. 18a. Mo–Fr
14–19 Uhr, Sbd–So 13–17 Uhr. Bis 16. Oktober