SchlagerOlymp

Schwarz blüht Heinos Enzian in Lübars

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Bernhard Clemm
Heino beim 5. Schlagerolymp in Lübars

Heino beim 5. Schlagerolymp in Lübars

Foto: DAVIDS/Gerald Matzka

30 Schlager-Stars in nur zwölf Stunden. Urgestein Heino machte auf Rocker. Nicht alle Fans waren glücklich über seinen Metal-Sound.

Auf den auf bis zu 85 Meter ansteigenden Hängen des Lübarser Freizeitparks treffen sich im Sommer die Fans des Drachen- und Modellbaufliegens, im Winter die des Freizeitrodelns.Seit einiger Zeit treffen sich jährlich auch die Fans des Schlagers, und so blickt man am Sonnabend von der Lübarser Höhe nicht nur auf das weite brandenburgische Land und die Plattenbauten des Märkischen Viertels, sondern auch auf Legenden wie Heino, Nicole und Jürgen Drews.

Die Sonne und einige kleinere Acts haben die über 20.000 Besucher des fünften „SchlagerOlymps“ bereits aufgewärmt, als Letzterer um fünf Uhr die Bühne betritt und das Halbrund der Hänge zum ersten Mal in Wallung bringt.

Der deutsche Schlager ist ein Generationsphänomen

„Von null auf hundert in nur drei Sekunden“, singt Drews von seinem jüngsten Album, und dementsprechend geht es ohne Umschweife mit knalligen Schla­gerbeats los. Trotz seiner 71 Jahre und vieler Hits hat der „König von Mallorca“ nicht aufgehört, neue Platten zu produzieren.Das Alter zeigt sich höchstens in seiner inzwischen etwas zurückhaltenden körperlichen Präsenz: Seine bunt gescheckte Bikerjacke ganz abzuwerfen, dazu kann er sich nicht durchringen, er lüftet nur mal die Schultern. Gar nicht zurückhaltend ist der Erzählonkel Drews.

Zwischen Hits wie „Keine Panik auf der Titanic“ und „Ein Bett im Kornfeld“ plaudert er munter aus dem Leben und dem seiner Familie. An seine Tochter Joelina, die als Sängerin in Berlin lebt, geht die Botschaft: „Falls du heute hier bist, hallo! Papa hat leider keine Zeit für ein Treffen!“ Die Fans wollen Zugaben, doch der „Olymp“ ist eng getaktet: Fast 30 Auftritte in nur zwölf Stunden, da ist keine Zeit für lange Drews-Anekdoten.

Was die Fan­gemeinschaft angeht ist der deutsche Schlager, wenig überraschend, eine überwiegend deutsche Angelegenheit. So ist das auch auf dem „SchlagerOlymp“: Viel Reinickendorf, viel Berlin, ein bisschen Restdeutschland.Und doch findet sich am Sonnabend auch der eine oder andere Exot in Lübars ein. Der 49 Jahre alte IT-Berater Bjarne Jansen zum Beispiel. Der wohnt und arbeitet eigentlich südlich von Kopenhagen. So etwas wie den Schlager gibt es in Dänemark nicht. Also hat er eine Geschäftsreise nach Berlin genutzt, um seine Lieblingssänger einmal live zu erleben. Eines fasziniert ihn an der Musik besonders: Der deutsche Schlager als generationenübergreifendes Phänomen.

In der Tat straft das Publikum im Freizeitpark Lübars sämtliche Klischees Lügen, der Schlager sei etwas für die Senioren der Republik. Zwar haben die Veranstalter auch für die bestens vorgesorgt: Schräg vor der Bühne sorgte ein abgegrenzter Bereich mit Sitzgelegenheiten dafür, dass auch Gäste mit müden Beinen ein gutes Plätzchen ergattern können.

Direkt daneben, im Stehbereich vor der Bühne, dominiert das junge Publikum. Dahinter macht man es sich im ansteigenden Halbrund, das etwa doppelt so viele Menschen wie die Waldbühne fasst, auf Picknickdecken und Campingstühlen bequem. Die Versorgung mit Bier, Wurst und Eis ist durch zahlreiche Verkaufszelte gesichert. Der Gipfel der Lübarser Höhe liegt einige Meter jenseits des Festivalzaunes – hier thronen auf Campingstühlen diejenigen, die sich den Eintritt sparen wollten.

Der Nachmittag zwischen Oldies und Newbies

Vor der Bühne ist inzwischen etwas Ruhe eingekehrt, denn Jürgen Drews verabschiedet sich. Am nächsten Tag müsse er wieder nach Mallorca, wohin er die „obergeilen“ Berliner Fans am liebsten mitnehmen würde. Mallorca-DJ Andy Luxx macht anschließend in Drews’ Sinne weiter, während die allgemeine Bewegung in Richtung Bierstände geht.

Hier trifft man auf eine Freundesgruppe von Berlinerinnen und Berlinern in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die sich per T-Shirt als „Suffgeschwader“ ausweisen, was sich martialischer anhört, als es ist. Zusammen feiern sie auf Schlagerfestivals und einmal jährlich auf Mallorca. Der Nachmittag geht eng getaktet zwischen Oldies und Newbies weiter: Drews’ Altersgenosse Christian Anders singt über die Liebe, der Helene-Fischer-Zögling Maria Voskania von der Lust am Leben. Mit Buddy („Hey, ab in den Süden“) steigt die Partystimmung weiter.

Als das Urgestein Heino die Bühne betritt, dämmert es bereits. Der 77 Jahre alte Düsseldorfer, im schwarzen Nieten-Trenchcoat und mit silbernem Kreuz um den Hals zur obligatorischen Sonnenbrille, hat seine Band mitgebracht und verzichtet im Gegensatz zu seinen Vorgängern auf Semi-Playback. Los geht es mit einigen Songs von seinem Album „Mit freundlichen Grüßen“ von 2013, auf dem er Titel unter anderem der Ärzte, von Rammstein und der Absoluten Beginner im Stil der Volksmusik coverte. In der Folge trat er sogar mit Rammstein auf – und er scheint etwas von den Metallern auf den „SchlagerOlymp“ mitgenommen zu haben. Die Songs geraten deutlich rockiger als auf der Platte, selbst der Urzeit-Schlager „Blau blüht der Enzian“ bekommt einen Metal-Anstrich.

Das Finale gehört Michael Wendler

Daraufhin mischen sich zum ersten Mal an diesem Tag Buhrufe in den Applaus. Das Publikum ist polarisiert. Eine Besucherin findet: Heino verspiele seine Fans, weil er für seine Leute nicht da ist, die seinetwegen hierherkommen. Auch Monique vom „Suffgeschwader“ kann sich für Heinos Auftritt nicht begeistern. Die Stimmung bei ihren Freunden ist trotzdem heiter, es wird skandiert: „Wir wollen den Wendler hören!“

Doch vorher geben sich noch ein paar weitere große Namen das Mikro in die Hand: Nicole bringt mit „Ein bisschen Frieden“ die Feuerzeuge zum Leuchten und eine politische Botschaft ins Volk: „So lange es Kriege auf der Welt gibt, werde ich dieses Lied singen – vielleicht lernen die Menschen dazu“. Vanessa Mai und Norman Langen zele­brieren den modernen Schlagerpop, Frank Zander die alte Schule.

Das Finale gehört Michael Wendler, der mit seinen Entertainment-Qualitäten die müde werdende Menge ein letztes Mal zum Feiern bringt. Der Däne Bjarne Jansen ist angetan. Er denkt, die jungen deutschen Schlagersänger hätten auch in seinem Heimatland Aussicht auf Erfolg, sie müssten allerdings auch ein paar englische Titel haben. Vielleicht stehen dem Schlager also noch internationale Zeiten bevor.