Konzertkritik

West-östlicher Sommerabend mit Barenboim in der Waldbühne

Mit seinem West-Eastern Divan Orchestra begeistert Daniel Barenboim an diesem lauen Sommerabend in der Waldbühne.

Das Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in der Berliner Waldbühne

Das Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in der Berliner Waldbühne

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Der große Rucksack wird gründlich durchsucht. Kein Problem, der junge Mann hat Verständnis. Die Wartezeit am Einlass ist länger als sonst. Seit dem Anschlag in Ansbach gelten erweiterte Sicherheitsvorkehrungen. Schon eine Ecke vor der Waldbühne findet eine erste Kontrolle statt. Die Besucher nehmen es gelassen hin.

Terrorangst will so gar nicht zu dem Abend passen, der sich die Völkerverständigung in Großbuchstaben auf die Fahnen geschrieben hat. In Daniel Barenboims Friedensorchester sitzen Israelis und Araber Seite an Seite. Musik kann keine Kriege verhindern und keine politischen Krisen lösen. Doch dieses Orchester zeigt immer wieder, dass ein harmonisches Miteinander möglich ist.

Das Sommerwetter könnte schöner nicht sein. Die Eröffnung „Con Brio“ stammt aus der Feder von Jörg Widmann. Das witzige Konstrukt aus klassischen Motiven und perkussiven Störfeuern zeugt vom spielerischen Umgang des Komponisten mit der musikalischen Tradition.

Begeisterung kommt aber erst auf, als sich die unnachahmliche Martha Argerich an den Flügel setzt. Franz Liszts erstes Klavierkonzert ist ein herrliches Virtuosenwerk, und viele Interpretationen beschränken sich auf die brillante Oberfläche. Bei der argentinischen Pianistin ist das anders. Das leuchtende Feuerwerk schießt sie mit großer Selbstverständlichkeit ab, doch darum geht es ihr nicht. Sie analysiert die inneren Zusammenhänge, schafft Verbindungslinien, aber auch Überraschungsmomente.

Vor allem aber sucht Argerich den intensiven Dialog mit dem Orchester, der in diesem Konzert besonders eng verzahnt ist. Barenboim und seine jungen Musiker sind für sie dankbare Spielpartner, die ihrer Solistin sehr genau zuhören. Sie genießen Liszts raffinierte Instrumentation. Die Pianistin und Jugendfreundin von Daniel Barenboim hat kürzlich ihren 75. Geburtstag gefeiert. Sie gilt als die wildeste und virtuoseste Vertreterin ihrer Zunft. In der Waldbühne hält sie eindrucksvoll Balance zwischen Temperament und Tiefsinn. Das WEDO hat schon im vergangenen Jahr mit ihr zusammen gespielt. Seitdem ist sie Ehrenmitglied des Orchesters. Als Zugabe greifen Argerich und Barenboim diesmal vierhändig in die Tasten.

Es gibt drei Voraussetzungen dafür, im WEDO aufgenommen zu werden. Die jungen Musiker müssen begabt sein. Sie müssen neugierig sein. Und sie müssen daran glauben, dass der Nahostkonflikt nicht militärisch gelöst werden kann. Barenboim plädiert dafür, von der Musik zu lernen, mit ihrer Hilfe das Verständnis von der Welt zu erweitern. In Musikwerken werden Konflikte immer friedlich ausgetragen. Der Stardirigent, der die Berliner Staatsoper leitet, hat vor den bedeutendsten Orchestern der Welt gestanden. Trotzdem bezeichnet er das WEDO immer wieder als wichtigstes Projekt seines Lebens.

Im zweiten Konzertteil spielen die Israelis, Palästinenser, Ägypter, Syrer, Jordanier, Libanesen und Iraner Werke von Richard Wagner. Für manche Israelis ist der Judenhasser Wagner noch immer ein rotes Tuch. Andererseits ist Wagners Musik wichtig für die Spielkultur jedes Orchesters, und Barenboim gilt als Wagner-Interpret ersten Ranges. Das WEDO hat mit Wagner kein Problem – im Gegenteil: Die festliche Größe des „Meistersinger“-Vorspiels und der Zwiespalt zwischen sinnlichem und asketischem Lebensstil, zwischen dem schillernden Venusbergzauber und der herben Größe der Pilgerchormelodie in der „Tannhäuser“-Ouvertüre klingen in den Händen der jungen Musiker wach und lebendig. Sie setzen nicht nur ein Zeichen für die Völkerverständigung. Sie sorgen auch künstlerisch für einen unvergesslichen Abend.