Serie

Abschied von den Crawleys

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander

Foto: Nick Briggs / picture alliance / AP Photo

Die sechste Staffel von „Downton Abbey“ ist auf DVD erschienen. Nach dem Brexit-Votum sieht man sie mit anderen Augen.

Erst mal die Jacketts abbürsten, das Tafelsilber polieren, den Kronleuchter abstauben: Mochte kommen, was wolle, in der Fernsehserie „Downton Abbey“ hatte erst mal alles ordentlich zu sitzen und zu blitzen. Und es kam ja vieles zusammen auf dem fiktiven Landsitz der Crawleys: von der Suffragetten-Bewegung über den Ersten Weltkrieg in den 10er-Jahren bis zum allgemeinen Niedergang der Aristokratie in den 20er-Jahren. Und dennoch saß man rituell beim Tee oder beim Dinner. Hielt wohlfeile Reden. Und ließ sich bedienen.

Aber ach, damit ist nun Schluss. Die sechste Staffel der Kultserie, die jetzt auf DVD (Universal, 4 DVDs, 24,99 Euro) erschien, soll definitiv die letzte sein. Die Fans müssen also ganz tapfer sein. Und das weltweit. Immerhin lief die ITV-Serie in über 200 Ländern, von den USA bis China. Und Milliarden sahen zu. Darunter zahlreiche prominente Anhänger: von Peer Steinbrück, der sich damit von der Hohen Politik erholte, über Prince William und seiner Kate, die von der ersten Stunde an dabei waren, bis hin zu Michelle Obama, die sich die Staffeln noch vor der offiziellen Ausstrahlung ins Weiße Haus schicken ließ.

Die Angst vor der Zukunft ist plötzlich ganz aktuell

Dabei war die Grundstruktur eine ganz einfache: das Doppel-Prinzip von Oben und Unten. Als Erstes wurde das in der 70er-Jahre-Serie „Das Haus am Eaton Place“ genutzt, die im Original weit simpler und sinniger „Upstairs, Down­stairs“ hieß und genau davon handelte: von Adeligen, die sich oben in ihren Salons langweilten und um Kleinigkeiten sorgten, während unten die Dienerschaft rackern und katzbuckeln musste. Robert Altman hat das 2001 in seinem wunderbaren Kinofilm „Gosford Park“ zu einem großen Gesellschaftsporträt erweitert. Das Drehbuch stammte damals von Julian Fellowes, der dann die Saga um Lord und Lady Grantham erfand, die zu einer der erfolgreichsten britischen Serien überhaupt mutierte.

Von der Reichweite und Breitenwirkung kann „Downton Abbey“ eigentlich nur mit „Game of Thrones“ verglichen werden. Und sein Erfolg liegt vielleicht genau darin: das Anti-„Game“ zu sein. Während sich dort andere Adelige wenig zimperlich die Köpfe einschlagen und die Macher ihre Fans immer wieder brüskieren, weil sie ihre Lieblinge kaltblütig aus der Serie meucheln, schießt man hier höchstens Spitzen übers Teeservice und vertreibt sich die Zeit mit kleinen Intrigen. Ohne dabei je zu vergessen, gütig zu lächeln und noch einen Keks anzubieten. Und niemand beherrscht diese Kunst der typisch britischen Spitzlippigkeit besser als die so faltige wie knarzige Maggie Smith als Gräfinwitwe Violet Crawley, die zum absoluten Star der Serie avancierte.

Der andere Star ist das Gemäuer selbst, in dem die Serie spielt. Das illus­tre Highclere Castle, das als Kulisse dient und unübersehbar vom selben Architekten wie das Westminster-Parlament stammt, entführt den Zuschauer nicht nur in alte, längst verblichene Zeiten. Es wurde zum Wallfahrtsort wie sonst nur die Schwarzwaldklinik im Glottertal und steht seit Kurzem auch als Hotel zur Verfügung. Darüber hinaus hat die Serie in Großbritannien einen regelrechten Trend ausgelöst. Man spricht bereits vom Downton-Abbey-Effekt.

Das meint erst mal die modische Rückkehr nicht sehr bequemer steifer Kragen, aber auch die Rückbesinnung auf Höflichkeit, Etikette und alte Tugenden. Werte, die wir in unseren rauen Tagen gut brauchen können. Welche Serie sonst könnte für sich reklamieren, derartiges bewirkt zu haben?

Und das soll nun alles vorbei sein? Ja, es wird definitiv keine siebte Staffel geben. „Man sollte besser aufhören“, meint Julian Fellowes, „solange es den Leuten noch leid tut und sie das Ende nicht herbeisehnen.“ In Staffel sechs läuft nun alles auf ein Ende hinaus. Die letzten acht Folgen spielen im Jahr 1925, und alle haben unter der Wirtschaftskrise zu leiden. Andere Lords im Umkreis müssen bereits ihre Landsitze verkaufen, und sie prophezeien den Crawleys, das auch ihnen das passieren wird.

Lord Grantham will daraufhin den Gürtel enger schnallen, und so geht die Angst um bei den Bediensteten: Wie viele müssen gehen, wen wird es als Ersten treffen? Der sonst so intrigante schwule Kammerdiener Thomas wird ganz kleinlaut und bewirbt sich anderswo. Andere versuchen sich mit Nebenjobs als Pensionswirt, Teilzeitlehrer, ja sogar als Zeitungskolumnist. Und selbst der überkorrekte Erste Butler, der die alte Zeit verkörpert wie sonst nur die schrullige Lady Violet, muss erkennen, dass er zu alt für sein Metier wird.

Aber geht die Serie wirklich so weit, dass das Schloss geschlossen wird? Man wird hier wohl nicht zu viel verraten, wenn man darauf verweist, dass der Schöpfer Fellowes seine Figuren viel zu sehr liebt, als dass er sie so ohne Weiteres in eine ungewisse Zukunft schicken könnte.

Schon öfter wurde ihm vorgeworfen, dass in der Serie die Eintracht zwischen der Beletage und dem Dienstbodentrakt gar zu weit geht und die realen Klassenverhältnisse doch ein wenig rauer waren. Aber auch die Crawleys sind halt nur eine Seifenoper, wenn auch mit erlesenstem Odeur. Am Ende scheinen die Hochzeitsglocken fast öfter zu läuten als die Zimmerglöcklein, mit denen die Herrschaften nach den Dienern klingeln.

Dass man dennoch dranbleibt, hat vielleicht auch mit einem Umstand zu tun, den Fellowes und die Seinen nicht ahnen konnten, als sie die letzte Staffel abgedreht haben. Jetzt nämlich, nach dem Brexit-Referendum, sieht man die neuen Folgen mit ganz anderen Augen. Die Angst vor der neuen Zeit, sie steht nicht mehr nur für das gute alte Empire, das ja längst dahingegangen ist, sie steht plötzlich auch sinnbildlich für die unabsehbaren Konsequenzen, die der EU-Austritt mit sich bringen könnte.

„Wenn ich die Geschichte anhalten könnte, würde ich es vielleicht tun“, sagt Lord Crawley einmal ratlos zu seinem Ober-Butler. „Aber ich kann es nicht, Carson, wir können die Zeit nicht aufhalten.“ Das klingt wie Katzenjammer nach dem Brexit. Ein raunendes Bedauern geht durch die ganze Staffel, eine Ahnung von dem Ende einer Epoche, die trotz des historischen Kostüms ganz aktuell ist. Nach dem Brexit-Yes erscheinen plötzlich ausgerechnet die Ewiggestrigen der Serie, die dem Empire nachtrauern, als letzte Befürworter eines gemeinsamen Europa.

Die Sehnsucht, die Zeit zurückzudrehen

Das letzte, spitze Wort gebührt dabei natürlich Maggie Smith. Wenn ganz am Ende in das neue Jahr 1926 hineingefeiert wird, amüsiert sie sich, dass man immer auf die Zukunft anstoße, was sie auch bringen möge. Als ihre ewige Kontrahentin Cousine Isobel sie einmal mehr belehrt: „Wir gehen in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit“, schluchzt sie beherzt auf: „Ach, könnte man es sich doch aussuchen!“