Konzerte in Berlin

Young Euro Classic: Hier spielt die Zukunft

Die Jugendorchesterszene hat sich professionalisiert – das diesjährige Young Euro Classic zeigt das einmal mehr.

Mit Elan dabei: Im European Union Youth Orchestra spielen junge Musiker aus 28 EU-Ländern

Mit Elan dabei: Im European Union Youth Orchestra spielen junge Musiker aus 28 EU-Ländern

Foto: Peter Adamik

Jeden Sommer unterzieht sich das altehrwürdige Konzerthaus einer Verjüngungskur. Dann zieht das Festival Young Euro Classic dort ein. Es ist das bedeutendste Jugendorchestertreffen der Welt. Vom 17. August bis zum 3. September sind wieder 1500 junge Musiker in Berlin zu Gast. Sie schaffen scheinbar mühelos, was im klassischen Musikbetrieb als schwierig gilt: Die Orchester begeistern ein jugendliches Publikum für klassische Musik, engagieren sich für Neue Musik und werben für ein grenzenloses Miteinander.

In Zeiten großer politischer Spannungen, in denen der europäische Gedanke immer wieder auf die Probe gestellt wird, finden es die Veranstalter besonders wichtig, ein Zeichen zu setzen. Neben den nationalen Jugendorchestern gibt es viele, die sich über Ländergrenzen hinweg für die Völkerverständigung einsetzen. So bildet das Jugendorchester Rumänien-Moldau trotz aller politischen Probleme zwischen den beiden Ländern eine eingeschworene Orchestergemeinschaft.

Im European Union Youth Orchestra spielen ausgewählte junge Musiker aus allen 28 EU-Ländern. Am Eröffnungsabend des Festivals am Mittwoch feiert dieses traditionsreiche Orchester sein 40-jähriges Jubiläum. Ein Blick in den Festivalkalender verrät, dass es diesmal beim Young Euro Classic besonders hochkarätig zugeht.

International renommierte Ensembles wie das Gustav Mahler Jugendorchester und das Schleswig-Holstein Festival Orchester sind dabei. Dirigenten wie Christoph Eschenbach und Philippe Jordan leiten die Konzerte, Starsolisten wie das Klavierduo Katia und Marielle Labèque, der Bariton Christian Gerhaher und der Cellist Truls Mork stehen auf den Programmen. Lauter glückliche Zufälle? Wohl kaum.

Das Bundesjugendballett ist diesmal neu dabei

Die Jugendorchesterszene hat sich in den vergangenen Jahren professionalisiert – und Young Euro Classic ist daran sicher nicht ganz unschuldig. Ein Festivalauftritt im Berliner Konzerthaus ist für ehrgeizige junge Musiker aus aller Welt ein großartiges Ziel. Das Sommerfestival, das die Unternehmensberaterin Gabriele Minz 1999 ins Leben gerufen hat, hat auch schon Orchesterneugründungen inspiriert. In den ersten Jahren waren die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Abenden groß. In manchen Orchestern saßen Schüler, in anderen fortgeschrittene Musikstudenten aus Meisterklassen. In einigen Ländern gab es eine hochentwickelte Jugendorchesterkultur, während andere „nur“ das Orchester ihres einzigen Konservatoriums schicken konnten.

„Inzwischen wird das Thema Jugendorchester sehr ernst genommen“, freut sich Dieter Rexroth, der künstlerische Leiter des Festivals. Er findet, dass der Qualitätsaufschwung fast überall erkennbar ist. „Das Orchestre Francais des Jeunes war zum Beispiel vor zehn Jahren ein normales Jugendorchester ohne besonderes Profil. Dann wurden dort künstlerische Konzepte entwickelt, bedeutende Dirigenten und Solisten eingeladen.“ Das Ergebnis ist im Konzerthaus zu überprüfen.

„Hier spielt die Zukunft!“ lautet das Motto. Mit Jugendorchestern aus Russland, Kasachstan und Bulgarien richtet das Festival den Blick nach Osten. Ein zweiter geografischer Schwerpunkt ist der skandinavische Raum mit Ensembles aus Norwegen, Lettland und Estland. Die weiteste Anreise hat diesmal das Orquesta Sinfónica „Estanislao Mejía“ aus Mexiko. Der Name Young Euro Classic führt ein wenig in die Irre. Schon früh haben die Veranstalter beschlossen, sich nicht auf Europa zu beschränken, sondern junge Musiker aus der ganzen Welt nach Berlin einzuladen. Seitdem steht das „Euro“ für die europäische Musikkultur, die sich international verbreitet hat. Kleine Spezialitäten unterscheiden das Festival von anderen.

So gibt es Paten, eine Hymne und einen Wettbewerb. Jedes Jugendorchester bekommt einen prominenten Paten an die Seite gestellt, der das Publikum vor dem Konzert begrüßt. In diesem Jahr sind es unter anderen die Schauspieler Dietmar Bär und Samuel Finzi, der Philosoph Richard David Precht und der Jazz-Musiker Siggi Loch. Die Festivalhymne hat der ungarische Dirigent Iván Fischer geschrieben und sie als „musikalischen Spaß“ bezeichnet. Sie erklingt vor jedem Konzert. Auf den Programmen stehen nicht nur die großen Werke der klassisch-romantischen Musiktradition.

Jedes Orchester bringt mindestens ein neues Werk aus seinem Heimatland mit. Der Einsatz für die Moderne hat das Festival von Anfang an mitgeprägt. Diesmal stehen sieben Uraufführungen und fünf Erstaufführungen auf dem Plan. Eine Publikumsjury sucht darunter das Werk aus, das mit dem „Europäischen Komponistenpreis“ ausgezeichnet wird.

Neben den Orchesterkonzerten gibt es jedes Jahr auch ein paar besondere Formate. Diesmal ist John Neumeiers Bundesjugendballett mit seiner Produktion „Ein kleiner Prinz“ zu Gast. Schwedische und deutsch-türkische Musiker arbeiten bei „Klassik meets Jazz“ unter der Leitung des Posaunisten Nils Landgren zusammen. Bei der Neuauflage des Klavierfestivals wetteifern vier junge, preisgekrönte Pianisten aus Lettland, Japan, Südkorea und Italien um die Gunst des Publikums.

Das Arab Youth Philharmonic Orchestra mit Musikern aus acht arabischen Ländern war vor drei Jahren schon einmal in Berlin. Damals haben viele Syrer im Orchester gespielt, die dem Krieg in ihrem Heimatland entflohen sind. Diesmal können die Musiker eine ganze Probenwoche in einer Berliner Schule verbringen und so für eine Weile in Ruhe arbeiten und die Konflikte im arabischen Raum hinter sich lassen. Eine Woche in Berlin ist ein großes Geschenk, Unterkunft und Verpflegung für 70 Musiker sind kostspielig. Für die meisten Orchester sind nur zwei Übernachtungen in Berlin finanzierbar. Dabei wäre es ganz im Sinn der Veranstalter, wenn sich die Musiker aus den verschiedenen Ländern wirklich austauschen könnten. „Ein Begegnungszentrum für junge Musiker aus der ganzen Welt zu eröffnen, das wäre unser Traum!“ formuliert Dieter Rexroth seine Zukunftsvision.

Eröffnung mit dem European Union Youth Orchestra am 17. August, 20 Uhr im Konzerthaus