Literatur

Teilnahmsloses Interesse

In der arabischen Diaspora: Bei Joseph O’Neill geht ein Anwalt nach Dubai und sucht die Distanz zur Welt

Der Erzähler, ein Anwalt aus New York, hat einen neuen Arbeitgeber, da will er einen guten Eindruck machen. Er wählt den üblichen Weg des modernen Angestellten und schreibt ihm wohlüberlegte, kunstvolle E-Mails. „Ich pflegte oft zu schreiben, taktvoll Argument A oder B vorzutragen, X anzuregen, den Versuchsballon Y zu starten oder schließlich nachdrücklich Y anzuraten, und die Konsequenz war in allen Fällen null.“ Später dann, und das ist erst recht der Weg des modernen Angestellten, schreibt er wieder und wieder E-Mails – mehr oder minder unter der Überschrift „das lasse ich mir nicht mehr länger bieten“ – in Gedanken und schickt sie nie ab.

Obama war von O’Neills letztem Roman begeistert

Seine Verärgerung ist nachvollziehbar, der Arbeitgeber ist kapriziös. Beschäftigt ist er bei einer reichen libanesischen Familie. Im Wesentlichen besteht sie aus den Brüdern Edmund und Sandro Bartos und dem patenhaften Vater. Der Erzähler wird zum Family Officer ernannt. Idealiter ist er Treuhänder des Clans, hält die Bücher in Ordnung und sorgt dafür, dass keiner Geld für private Sperenzchen von den gemeinsamen Konten abhebt. In Wirklichkeit hat er noch einen zweiten Job, er ist der Babysitter der Familie. Insbesondere Sandro, psychisch labil und mit einer „Vorgeschichte der Verschwendungssucht und des erfolglosen Glücksspiels“, ist unberechenbar. So ordert Sandro an, dass auf seinem Geburtstag Bryan Ferry ein Privatkonzert geben solle. Nachdem der namenlose Erzähler den Termin unter Mühen organisiert, will Sandro davon nichts mehr wissen. „Ich meine Bryan Adams. Was soll ich denn mit Bryan Ferry?”

Autor Joseph O’Neill, Jahrgang 1964, kennt sich mit kompliziertem Klientel aus, er hat jahrelang als Anwalt gearbeitet. Geboren ist er in Irland, aufgewachsen in Holland, und heute lebt er in New York. Er hat zwei komplett unbeachtete Romane geschrieben und dann mit „Niederland“ den Überbestseller. Er bekam 2009 den PEN-Faulkner-Preis und, wahrscheinlich verkaufsfördernder, die Anerkennung von Barack Obama, der den Roman „fantastisch“ fand. Der Roman gilt als 9/11-Buch und erzählt, wie sich eine Ehe nach den Anschlägen Stück für Stück auflöst. Die „New York Times“ hielt es unmöglich für Joseph O’Neill, einen langweiligen Satz zu schreiben.

Joseph O’Neills neuer Roman „Der Hund“ über das Leben eines Anwalts nach seiner Trennung und seinen Umzug nach Dubai hat die gleiche Magie: Es gibt keinen Spannungsbogen, es passiert auch nicht irre viel, der Erzähler berichtet am Anfang über Tauch­erfahrungen und eine kurze Leidenschaft für das Treppensteigen in Hochhäusern und auf einmal ist der Leser auf Seite 200 und fragt sich, was ihn wohl die ganze Zeit im Buch gehalten hat. Es ist der Erzähler. Je besser man ihn kennt, desto schwerer kann man ihn einschätzen.

Sein Umzug nach Dubai war eine Flucht, sie folgte auf die Trennung von seiner langjährigen Freundin Jenn. Was sie außer Gewohnheit zusammenhielt, ist nicht ganz klar. Die meiste Zeit haben sie gearbeitet, selten waren sie in ihrer Zweizimmerwohnung, und noch seltener verbrachten sie die Zeit im gleichen Zimmer. Sie hätten noch jahrzehntelang nebeneinander leben können, hätte sich nicht durch Jenns Kinderwunsch eine unaufschiebbare Dringlichkeit in ihrer Beziehung breit gemacht.

Die beiden hatten, vage formuliert, Meinungsunterschiede über das korrekte Verhalten in einer Kinderwunschklinik. Sie führen zu einer atemraubenden Trennungsszene, in der Jenn in einer Mischung aus erstem Schock und fortgeschrittenem Wahnsinn erst versucht die Badezimmertür, hinter der sich der Erzähler verschanzt, zu zertrümmern und ihn anschließend in einer endlosen Litanei vor die Alternative stellt, dass er seiner „Pflicht“ nachkommt und ihr ein Kind macht. „Es sei ein schicksalhafter Augenblick, sagt sie. Ich müsse mich entscheiden, ob ich ein ganzer Mensch oder ein zersplitterter Mensch sein wolle. Wenn ich mich für den Weg des Unrechts entscheide, würde ich nie mehr imstande sein, mich wieder zusammenzusetzen. Ich würde ein zerbrochener Mensch ohne Integrität sein. So funktioniere das Leben.“ So geht es über Seiten, der Erzähler lässt die Anklage die Nacht lang über sich ergehen und ergreift später die Flucht. Die Zeit mit ihr, sinniert er in Dubai, samt der „uneinbringlichen Opportunitätskosten an Zeit und Glück“ habe er „abgeschrieben, vielleicht sollte ich sogar sagen wertberichtigt“.

Gefühle hatten ihm außer Enttäuschungen nichts gebracht. „Das ist einer der großen Vorteile des Lebens in Dubai: Es gibt nur wenige Dinge, die einen etwas angehen“, denkt sich der Erzähler bei O’Neill. In seinem teilnahmslosen Interesse an der Welt erinnert Joseph O’Neill zuweilen an Richard Ford. Sie grübeln über das Leben, verkneifen sich aber jedes Urteil. Die Maxime des Erzähler – „Wer kann schon sagen, was hinter geschlossenen Türen zwischen Paaren vor sich geht“ – hat nahezu wortgleich auch John Bas- ­combe in Fords „Unabhängigkeitstag“ geäußert. Ein anderer Vergleich drängt sich natürlich mehr auf, gerade weil „Ein Hologramm für den König“ von Tom Tykwer in diesem Sommer im Kino lief. Das Buch von Dave Eggers ergänzt sich geradezu mit O’Neills: Beides Geschäftsmänner, die es eher unfreiwillig in die arabische Diaspora treibt, ihre Verwunderung über mittelalterliche Rechtsprechung, obszönen Reichtum und das sklavenartige Leben der asiatischen Arbeitsmigranten. Und wie der Erzähler bei O’Neill seine Mails nicht abschickt, so verbleiben Alans kunstvolle Briefe an seine Tochter in Eggers Roman im Hotel.

Verwechseln kann man die Männer jedoch nicht: Alan stemmt sich gegen den Verlust seiner Würde, der Erzähler bei O’Neill hingegen beobachtet seinen Niedergang mit mildem Interesse.