Kultur

Kleine Fluchten, krude Fantasien

John Darnielle, der große Poet unter den amerikanischen Songwritern, hat einen Roman wie einen mysteriösen Songtext geschrieben

„Die meisten Menschen wie ich sind tot“, sagt Sean Phillips in dem düsteren Roman „Wolf in White Van“ und hat damit zweifelsohne einen Punkt. Wer Sean angucken will, sollte besser eine medizinische oder pflegerische Vorbildung mitbringen, warnt er seine Umgebung, denn sein Gesicht ist durch die Austrittswunde einer Gewehrkugel vollkommen entstellt. Anstarren findet er dabei gar nicht schlimm, weil das Weggucken ja auch keine Lösung ist. Wie es dazu gekommen ist, wer dafür die Verantwortung trägt, das alles wird der Leser erst richtig am Ende des Romans erfahren, aber dass Sean selbst in irgendeiner Form Hand angelegt hat, daran besteht von Anfang an kein Zweifel.

Der große Poet unter den amerikanischen Songwritern, John Darnielle, Frontmann der Band Mountain Goats, hat einen Roman über Fluchten geschrieben, der in vielem einem mysteriösen Songtext gleicht, auf den man sich einlassen muss, der nicht viel erklärt, der einen reinzieht und wieder ausspuckt, der einen auch nach den 253 Seiten weiter beschäftigt, gerade weil man nicht alles versteht. In ihrer Chronologie läuft die Geschichte wie eine ­Vinylplatte,ab, die rückwärts abgespielt satanische Botschaften für junge Leute beinhalten soll, wie Larry Normans „Christian Rock“, auf der angeblich der Satz „Wolf in White Van“ zu hören sein soll.

Da ist also Sean, der einsame junge Mann mit der schrecklichen Verletzung, der im Nachhinein vor allem die Beeinträchtigung seines Hörvermögens durch den Gewaltakt bedauert. Er muss sich vor Gericht für den Tod eines Teenagers verantworten, weil sein Eskapismus zur realen Gefahr der nächsten Generation junger Menschen geworden ist. In der Klinik hat er aus seiner flüchtigen Idee von einer mittelalterlichen Zufluchtsstätte, einer Art Burg, in den Stunden des An-die-Decke-Starrens ein Spiel entwickelt. Es ist ein Fantasyspiel, das in der vordigitalen Zeit über ein Abonnement per Post gespielt wird. Die Geschichte klingt klassisch: In einer nachapokalyptischen Welt nach der Bombe sind die Städte entvölkert, und mutierte Hominiden suchen nach unverseuchtem Fleisch, um zu überleben. Die Spieler entscheiden über ihre nächsten Schritte, Wege, Gegenstände, die sie dem Trace Italian näher bringen sollen, das in der Logik des Abospiels nie erreicht werden kann und wobei der Spieler natürlich niemals wirklich stirbt.

Für eine ganze Zeit kann Sean ein gutes Zubrot als Gamemaster verdienen, bis die Nachfrage verebbt und in der Endphase ein Mädchen stirbt als sie Spiel und Realität verwechselt. Ist das seine Schuld? Wie konnte er selbst, der auch vor „unendlichen Zukünften” stand, bewusst und ohne Not seine Spielzüge auf Zerstörung oder Selbstzerstörung reduzieren?

Es sind die kleinen Szenen, das Unverständnis der Eltern, das Kommunikationsvakuum, der Rückzug in andere Welten, deren Darstellung Darnielle besonders gut gelingen, wahrscheinlich auch, weil seine eigene Jugend ihm mehr gelehrt hatte als er je wollte. Mit 16 Jahren begann Darnielles zügiger Abstieg in die Drogensucht, er war auf komplettem Selbstzerstörungskurs, wurde zu einem Menschen, den er heute nicht mehr kennen möchte. Dennoch gestand der „beste Geschichtenerzähler des Rock“ dem „Rolling Stone“-Magazin, dass die Jugend für ihn die weitaus besseren Geschichten erzählt als irgendwelche Begebenheiten aus der Erwachsenenzeit. Die Abgründe sind tiefer, die Verzweiflung größer, das Leben in aller Absolutheit auf Ja-Nein, Hop-Top, Schwarz-Weiß reduziert. Für Sean Phillips war an dem Abend nur ein Gewehr im Haus. Es hat gereicht.

Ein junger Mann, der sich für eine völlig unsinnige Gewalttat entscheidet, die sich jeder Rationalisierung entzieht, Computerspiele sind neu, einsame junge Männer mit kruden Fantasien aber hat es auch vorher schon gegeben. Eskapismus als Rettung und Gefahr werden ein Thema bleiben, das Darnielle erst gar nicht zu erklären versucht. Sean wäre auch ohne die Waffe einsam geblieben, ist er selbst überzeugt, einfach, weil es solche Typen, solche Situationen, solche Abgründe gibt.