Kultur

Die alten Shirts, die nicht mehr passen

Seine Kultband Tomte macht seit Langem Pause. Thees Uhlmann ist allein unterwegs. Nach einer Lesereise greift er im SO 36 jetzt wieder in die Gitarre

Thees Uhlmann ist ein Sänger, der für immer eine Band sein wird. So wie Jochen Distelmeyer immer Blumfeld sein wird, so ist Thees Uhlmann auf ewig der Tomte-Solitär. Eine Devotionalie der Hamburger Schule, die schon lange in Berlin lebt. Aber ein Publikum will keine Realitäten, es will Erinnerungen. Es kauft das Ticket zum Konzert, weil es sich den Uhlmann wie einen Lutscher in den Mund stecken will. Aus seiner Stimme, da glaubt es, kann es den Geschmack dieser Jugendbewegung heraussaugen, die die „Spex“ studierte und ironische T-Shirts zu Sportjacken kombinierte. Einen Abend lang mag es noch einmal die Rennradjugend mit Hang zum Gitarren unterstützten Biergenuss sein. Wir sind hier, weil wir Texte mögen, die wir sofort verstehen, weil sie deutsch sind, und eben nicht sofort verstehen, weil sie gut sind.

Das Frühwerk strahlt neben dem Spätwerk

Wenn dieses Publikum ehrlich zu sich selber wäre, dann wäre es enttäuscht von diesem Abend. Weil es genau diesen einen Geschmack die ganze Zeit nicht auf die Zunge bekommt. Uhlmann spielt eben nicht Tomte, man kann es ihm nicht vorwerfen, er spielt sich selbst. „Lat 53.7 Lon 9.11667“ eröffnet und schmeckt dabei ein bisschen nach lokalpatriotischem Esspapier. Wie viele Überschneidungen gibt es hier eigentlich noch mit der Hamburger Schule, und wie viele mit diesem neuen Deutschpop, der ja keine Schule ist, sondern mehr ein offener Spielkreis?

Man will die Antwort gar nicht finden. Und hat „Es brennt“ eigentlich eine Metaebene?, fragt man sich zwischen Schunkelnden stehend, die vorher noch gesagt hatten: „Wenn wir jetzt nicht weiter nach vorne kommen, dann pogen wir uns nach vorn.“

Es scheint in „Es brennt“ wirklich nur um Feuer zu gehen. Uhlmann erzählt, ihm und seinem Co-Songschreiber Tobias „Monta“ Kuhn – der ja auch für die Kollegen Die Toten Hosen produziert – sei es kalt gewesen, damals in München, als sie den Song geschrieben haben. Das Publikum wärmt sich an Uhlmanns Stimme und an der Idee von diesem Abend, die es immer noch hat. Bis zum „Sommer in der Stadt“. Live zieht das Lied einem ziemlich brachial den Lolli aus dem Mund, lässt ihn mit einem lauten „Radiopop“ auf dem Boden des SO36 in Kreuzberg zerbersten. Das Alter macht schlimme Dinge mit der Jugend, denkt man. Und wie zum Beweis erzählt der Mann auf der Bühne dann auch noch davon, wie er morgens mit seinem Kind immer Radio Teddy hört.

Der Blutzuckerspiegel der Show geht gefährlich nach unten. Bis endlich einmal „Schreit den Namen meiner Mutter“ durch die Reihen birst. Das Frühwerk strahlt neben dem Spätwerk. „Damals, als wir Chancen hatten, blieben wir für Jahrzehnte stehen.“ Es ist nicht nur wahr, sondern auch schneller, strammer und der Text syntaktisch so viel besser. In die endlich aufgewärmten Reihen verkündet Uhlmann, dass er jetzt Lana del Rey covern wolle und singt Quatsch in E-Moll: „Mein Name ist Lana, möchtest du ein Eis?“ Es ist nicht lustig, wird aber lustig, wenn man sich denkt, dass Uhlmann das macht, weil Distelmeyer, der ja auch von Hamburg nach Berlin gezogen ist und auch ein Buch geschrieben hat, neuerdings mit Lana-Del-Rey-Coversongs auftritt, allerdings nicht vor ausverkauften Reihen im SO36. Ein Distelmeyer-Diss ist immer wunderbar!

Dann verlässt die Band die Bühne, und das Publikum ist allein mit Uhlmann. Gemeinsam macht man sich ein Bier auf. Es ist schon eine Ehre, im SO36 zu spielen, sagt er. Denn das sei ja der „geilste Schlauch Berlins“ und man dürfe auch nicht vergessen, wie damals Martin Kippenberger Anteile am SO36 gekauft habe, dann die Bierpreise erhöht habe und von den Punks dafür vermöbelt wurde. Das dazugehörige Kippenberger-Bild heißt im Übrigen „Dialog mit der Jugend“. Uhlmann lacht. Die Bierpreise zu erhöhen, komme in Kreuzberg eben nicht gut an. Obwohl ja eigentlich nichts gut ankomme in Kreuzberg, sagt er. Und dann erzählt er diese andere berühmte Geschichte, als über dem SO36 jemand einzog, dem es zu laut war. Und dass es dann diese Benefizkonzerte gab, mit dessen Erlös man entweder Dämmmaterial kaufen oder den neuen Nachbarn totschlagen lassen wollte. Uhlmann, hier ganz der Zugezogene, lacht. Das Publikum, hier ganz Kreuzberg, sagt: „Yoah, das war schon so. Aber wir haben dann trotzdem noch gedämmt.“

Uhlmann erzählt weiter. Währenddessen wird gut vorstellbar, dass sein Debütroman „Sophia, der Tod und ich“ nur eine Abschrift seines spontan gesabbelten Hörbuchs „Sophia, der Tod und ich“ ist, denn erzählen, das kann er. Wie er einmal auf einem Benefizkonzert der Toten Hosen war und dann Campino mit Weinschorle in der Hand auf ihn zukam und sagte: „Ich weiß genau, wer du bist. Du bist der einzige Typ aus der Indie-Szene, der die Flagge für die Hosen hochhält.“ Um raunend hinterher- zusetzen: „Wir Hosen aus Düsseldorf, wir merken uns das.“

Mag man einmal Tomte, mag man Uhlmann für immer

Uhlmann lacht. Sein Publikum, nun ganz in der versöhnten Tresen-Realität angekommen, lacht auch. Mag man einmal Tomte, mag man auch Uhlmann – für immer. Der Sänger beginnt nun selbst mit Rückschau. Erzählt, dass er in seine alten T-Shirts – also diese ironischen – nicht mehr reinpasst, und wie er sich einmal mit einer Freundin über Viva 2 unterhalten habe. Diesen Sender, den es mal gab, damals, als Charlotte Roche noch keine Bücher geschrieben hat. „Und du auch nicht“, raunt es im Publikum. Und mitten in diese süßsaure Nostalgie hinein covert Uhlmann das „Liebeslied“ von den Toten Hosen. Alle kennen es. Alle singen es. Im Winter oder im Frühjahr wird es ein neues Album geben, sagt der Mann mit der Gitarre. Das Publikum wird es kaufen und schlecken wie einen Lolli.