Retrospektive

Viel besser als sein Ruf: Der deutsche Film der 50er-Jahre

Das Filmfest von Locarno entdeckt eine verdrängte Filmdekade neu. Und macht viele Überraschungen. Die Filme kommen auch nach Berlin.

Foto: KPA / picture-alliance / KPA Honorar &

Mario Adorf war vergangenen Sonntag auf dem Filmfestival von Locarno gleich doppelt zu erleben. Braungebrannt, mit schlohweißem Haar und bestens gelaunt nahm der Schauspieler auf der Bühne den Ehrenpreis des Festivals entgegen. Nur kurz darauf war er auf der Leinwand mit schwarzem Haar und finsterer Miene als Westberliner Gangsterboss in „Am Tag, als der Regen kam“ zu sehen. Ein Film, den man heute fast nur noch durch den Schlager von Dalida kennt.

57 Jahre liegen zwischen den beiden Adorfs. Und fast mehr noch als für den Ehrenleoparden dankte der 85-Jährige dem Festival für seine Retrospektive, die sich in diesem Jahr dem deutschen Film der 50er-Jahre widmet: „Ich freue mich, dass Locarno den Mut hat, das westdeutsche Kino der frühen Jahre zu rehabilitieren.“

Generalabrechnung mit „Papas Kino“

Dieses Kino war ja totgesagt. Und das gleich mehrfach. Und mit Lust. Der Filmkritiker Joe Hembus schrieb im Herbst 1961 das viel beachtete Pamphlet „Der deutsche Film kann gar nicht besser sein“, in dem er dem Nachkriegsfilm eine niederschmetternde Diagnose stellte: „Er ist schlecht. Es geht ihm schlecht. Er macht uns schlecht. Er will auch weiterhin schlecht bleiben.“

Und nur kurz darauf setzten im Februar 1962 auf den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen 26 Jungfilmer mit dem „Oberhausener Manifest“ nach, in dem sie kurzerhand einen radikalen Schlussstrich zogen: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“

Dieser Vatermord muss etwas Befreiendes gehabt haben. Eigentlich aber hat man ja nur nachgetreten. Der deutsche Film hatte innerhalb von wenigen Jahren fast die Hälfte seines Publikums an das neue Medium Fernsehen verloren. Und als 1961 die Film Hansa pleite ging, kollabierte die ganze Filmindus­trie. Aber selbst 1961 gab es in der Bundesrepublik noch 441 Millionen Zuschauer, und das wohlgemerkt nur im Westen. Während man heute schon von einem Rekordjahr spricht, wenn 2015 mal 140 Millionen ins Kino gehen.

Wie schon 1945 war auch 1961/62 keine Stunde Null, aus der ein Phoenix aus der Asche trat. Das Generalverdikt aber, einmal formuliert, wirkte nach. In der „Geschichte des Films“, ein Standardwerk von Enno Patalas und Ulrich Gregor, werden gerade mal zwei Seiten für das deutsche Kino der 50er-Jahre verloren – mit vernichtender Bilanz: „künstlerische Belanglosigkeit und Antiquiertheit auch des ambitionierten Teils.“

Das hat nicht nur die Filmgeschichtsschreibung geprägt, sondern auch das Verhalten des Publikums. Zwar schaut man sich zu jedem Weihnachten aufs Neue die alten „Sissi“-Wiederholungen im Fernsehen an, aber man geniert sich doch auch immer ein bisschen dabei.

Unverschämt, frech, frivol und viel besser als sein Ruf

Ist es Zufall, dass eine erste Revision dieses Generalurteils nun ausgerechnet im Ausland startet? Oder ist es mit dem Blick von außen, ohne Vorbehalte, einfacher, alte Vorurteile zu überwinden? In der Retrospektive „Geliebt und verdrängt. Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1963“ zeigt Locarno eine satte Auswahl an alten Filmen. Sie zeigt: Der deutsche Film der 50er-, das war nicht alles nur Heimat und Tralala.

Es gab viel mehr Ausnahmen, die sehr wohl einen genauen und gewagten Blick auf die ollen Fuffziger wagten und die zu Unrecht vergessen sind. Die Retro­spektive zeigt aber auch, dass selbst im Unterhaltungskino jener Jahre eine erstaunliche Vielfalt an Schattierungen, Nuancen und Untertönen hervorstechen, die man aus der historischen Distanz um so lustvoller entdecken kann.

Das Begleitbuch, das das Deutsche Filminstitut Frankfurt/Main herausgegeben hat (416 Seiten, 24,80 Euro), bietet dazu einige wegweisende Essays. Da wird etwa nachgewiesen, dass „Papas Kino“, wie es oft verspottet wurde, eigentlich „Mamas Kino“ war, weil über die deutschen Kinoleinwände die allmächtige Gloria-Verleihchefin Ilse Kubaschewski herrschte.

„Mamas Kino lebt!“ heißt denn auch ein Plädoyer von Rainer Knepperges, der belegt, dass die Filme der 50er- und frühen 60er-Jahre „überraschend unverschämt, erotisch, frech, frivol, vulgär, bizarr sind“. Mit einem Wort: „Ganz anders als ihr Ruf.“

Große Werkschau im Berliner Zeughauskino

Und Dominik Graf, noch immer einer der besten Filmemacher der Nation, kommt zu dem Schluss, dass die vermeintliche Provinzialität des deutschen Films in Wahrheit eine unendliche Stärke gewesen sei: „Seine ,Falschheiten’ waren eine sehr originelle Spielart der Wahrhaftigkeit.“ Graf hat auch gleich noch eine Art Begleitdokumentation gedreht, mit dem hübsch provokanten Titel „Verfluchte Liebe Deutscher Film“.

Darin schimpft etwa Klaus Lemke, der ewige Alt-Wilde des Undergroundkinos: „Der deutsche Film war wirklich fabelhaft, bevor die Oberhausener kamen. Aber wir haben den deutschen Film einfach nicht wahrgenommen damals. Das war ein Fehler.“

Den kann man nun revidieren. Und das nicht nur in Locarno. Die Retro­spektive geht danach auf Reisen, nach Zürich, Lausanne, Triest, Lissabon, ja selbst New York und Washington. Sie macht aber auch Station in Deutschland, in Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Dort wird im gesamten kommenden Jahr im Zeughaus-Kino eine sogar noch größere Auswahl gezeigt. Vielleicht guckt dann ja sogar Mario Adorf noch einmal vorbei.