Film

Jason Bourne erinnert sich wieder

Matt Damon ist als Agent zurück: „Jason Bourne“ ist auf der Höhe der Zeit. Aber trotz aller Action sind auch Leerstellen zu erkennen.

Am Puls der Zeit: Jason Bourne (Matt Damon) wird mitten durch eine Protestdemonstration in Athen gejagt

Am Puls der Zeit: Jason Bourne (Matt Damon) wird mitten durch eine Protestdemonstration in Athen gejagt

Foto: UPI/Jasin Boland

Jason Bourne ist wieder da. Und Matt Damon spielt ihn wieder. Beides keine Selbstverständlichkeit. Nach drei erfolgreichen Filmen von „Die Bourne Identität“ (2002) bis „Das Bourne Ultimatum“ (2009) hat der Schauspieler die Rolle erst mal an den Nagel gehängt.

Und als Jeremy Renner den Part in „Das Bourne Vermächtnis“ (2012) übernahm, floppte dieser Teil empfindlich. Jetzt aber kehrt Damon als Bourne zurück. Und mit ihm Regisseur Paul Greengrass, der die Reihe ab dem zweiten Teil entscheidend mitgeprägt hat.

Immer an Brennpunkten der Welt

Es ist diesem Jason Bourne, das sieht man gleich in den ersten Einstellungen, nicht gut ergangen in den vergangenen sieben Jahren. Er hat sich buchstäblich im Untergrund durchschlagen müssen und verdient sich sein Geld mit illegalen Schaukämpfen.

Gleich zu Beginn des neuen Films – der nun kein Ultimatum und auch kein Vermächtnis, sondern ganz schlicht den Namen seines Helden, „Jason Bourne“, trägt – steigt Bourne, hochtrainiert wie ein Rambo, in den Ring und macht kurzen Prozess mit seinen Gegnern, bevor jemand erkennen könnte, dass er ein von der CIA gejagter Ex-Agent ist.

Der Anfang spielt an der griechisch-mazedonischen Grenze. Damit wollen Greengrass, der nicht nur Regie führt, sondern auch am Drehbuch mitschrieb, und Damon, der den Film auch mitproduziert hat, gleich zeigen, dass Jason Bourne noch immer ganz auf der Höhe seiner Zeit ist. Anfangs eben da, wo derzeit so viele Flüchtlinge nach Europa drängen.

Man schaut Bourne-Filme nicht, man schwitzt sie durch

Die erste Actionsequenz wird dann in Athen absolviert, mitten in einer Protestdemonstration gegen den EU-Sparkurs. Und diesmal geht es vor allem um Datenschutz und Sicherheit im Netz, um einen Softwareentwickler, der seine Programme sicherer gestalten will, und Geheimdienste, die das unterwandern wollen. Ein Hauch von Whistleblowern, Snowden und Assange weht da immer mit.

Kann ja sein, dass es manchem Kinozuschauer so geht wie Jason Bourne im ersten Teil: dass er keine Erinnerung mehr an die Vorgeschichte hat. Bourne ist eine Erfindung des Thrillerautors Robert Ludlum, ein Ex-Agent, der unter Gedächtnisverlust leidet und den die CIA aus dem Weg räumen will, weil sie ihn als Killermaschine missbraucht hat. Richard Chamberlain hat diesen Bourne schon mal fürs Fernsehen gespielt. Ins Kino aber kam Bourne 2002, kurz nach dem Trauma des 11. September, das auch das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Geheimdienste tief erschüttert hat.

Nicht von ungefähr hat Jason Bourne – ähnlich übrigens wie Jack Bauer aus „24“, eine Serie, die kurz danach ebenfalls startete – dieselben Initialen wie James Bond. Bourne war ein Gegenentwurf, ein Anti-Bond. Ein Agent, der viel stärker in der Gegenwart verankert ist. Und der die Action, durch die er schlittert, auch physisch viel stärker erlebt und erleidet.

Das gilt vor allem seit dem zweiten Teil „Das Bourne Ultimatum“ (2007), als Paul Greengrass als Regisseur mit ins Boot kam und einen aufregend-gehetzten Bilderrhythmus mit wackliger Handkamera und Stakkato-Schnitten entwickelte. Bourne-Filme guckt man nicht einfach nur an, man schwitzt sie durch.

Im Film ist Kreuzberg auf einmal der Kollwitzplatz

Das gelingt dem Erfolgsduo Damon-Greengrass auch in dieser Neuauflage. „Jason Bourne“ drückt sogar noch ein wenig mehr aufs Gas und hetzt von Griechenland über Island, Rom, Berlin und London nach Las Vegas. Aber so atemberaubend und nervenzehrend die Actionsequenzen auch inszeniert sind und nicht nur den Helden, sondern auch den Zuschauer kräftig durchschütteln, merkt man doch, und zwar schon während des Schauens des Films, dass sich die Bourne-Reihe in ihrer Struktur im Grunde ständig wiederholt.

Immer erfährt der Held ein Stückchen mehr aus der Vergangenheit. Inzwischen hat er sein Gedächtnis zwar zurück, weiß aber immer noch nicht alles über die Intrige, die ihn letztlich zum Geheimdienst trieb. Immer gibt es einen neuen, nächsthöheren Chef bei der CIA, der das Ganze vertuschen will und deshalb einen Killer auf Bourne ansetzt. Der Chef wird diesmal von dem herrlich zerknitterten Tommy Lee Jones gespielt, der dabei allerdings ein bisschen hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Immer bringt es einer Frau (diesmal Julia Stiles) kein Glück, wenn sie Bourne zur Seite steht.

Wiederholt bekommt eine Agentin innerhalb des Geheimdienstes Skrupel und schlägt sich auf die Seite des Gejagten, in diesem Fall Alicia Vikander in der wohl interessantesten Rolle des Films. Und immer, seit Teil Zwei zu großen Teilen in Berlin gedreht wurde, müssen zumindest ein paar Szenen in der deutschen Hauptstadt spielen. Auch wenn einem diesmal Kreuzberg als Kollwitzplatz vorgegaukelt wird.

Aber so tempogeladen der Film auch durch die halbe Welt hetzt und beim Showdown halb Las Vegas zu Klump fährt: Diesmal bleibt die Geschichte hinter der Action doch ein wenig dünn, und die Effekte können nur schlecht über diese Leerstellen hinwegtäuschen. „Jason Bourne“ ist wieder Adrenalkino pur – und doch nur ein Abklatsch seiner Vorgänger. Könnte also gut sein, dass ein Jason Bourne mit Gedächtnis weit schneller in Vergessenheit geraten könnte. Immerhin ein hübsches Paradoxon.