Kultur

Hier die Aufrechten, dort das finstere Kapital

Michael Schneider, sozialisiert in der 68er-Generation, rechnet in seinem Roman mit der heutigen Gesellschaft ab und kämpft die Schlachten von vorgestern

Wenn ein deutscher Roman einen längeren Klinikaufenthalt seiner Haupt­figur nebst philosophischer Erkenntnisse über die Zeit zu behandeln verspricht, geht selbstredend sofort die Thomas-Mann-Zauberberg-Alarmanlage an. Doch ganz so gewaltig hat der in Berlin lebende Autor Michael Schneider seine Geschichte dann doch nicht angelegt. Es ist ein autobiografischer Roman, ein Format, das als Scripted-Reality-Variante der Literatur derzeit durchaus im Trend liegt, aber auch seine Tücken hat, was der kleinkunstbühnenerprobte Polit-Magier, Filmakademieprofessor, Autor, Dramaturg und Alt-68er auf über 500 Seiten eindrucksvoll beweist.

Ein Funken Empathie mit den Protagonisten täte gut

Fabian Fohrbeck heißt das Alter ego Schneiders in dem Roman, Kulturwissenschaftler ist er, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau und wegen des zunehmendem Drucks an seiner Arbeitsstelle, der Universität, unter Herzrhythmusstörungen leidet und sich zur Therapie in eine psychosomatische Klinik begibt, dort auf zahlreiche andere Zivilisationskranke trifft und eine neue Liebe beginnt.

Wer bei dem Versprechen von Klangliegen, meditativem Organ-Scanning, Qigong und gruppentherapeutischen Rollenspielen zunächst noch auf ein wenig Selbstdistanz oder gar Humor hofft, wird bereits auf den ersten Seiten enttäuscht. Fohrbeck/Schneider ist einer der Alt-68er, die schon lange vor dem proklamierten Ende der Ironie ganz ohne ebenjene ausgekommen sind. Alles ist sehr ernst, zum Teil natürlich nachvollziehbar und durchaus ergreifend, der plötzliche Tod der langjährigen Ehefrau ist ein berührend beschriebenes Erlebnis. Doch der autobiografische Roman gibt dem Autor die Freiheit, seine Geschichte anzureichern, über sich selbst hinauszugehen. Schneider nutzt das hauptsächlich, um Figuren einzuführen, die als Stichwortgeber dienen, damit er die höchsteigenen Lebenseinsichten eines Alt-68ers weitergeben kann.

Die Generation APO liest uns die Leviten, könnte der Untertitel lauten, der Erzählstrang neben der Trauerverarbeitung wird dabei zum Theaterstück, in dem nacheinander Stereotype auftreten, die nur den aus Sicht Schneiders traurigen Niedergang der Gesellschaft belegen. Da ist die sich und alles andere daueroptimierende McKinsey-Unternehmensberaterfrau, die auf Fohrbeck wie eine „Außerirdische“ wirkt, und leider auch so beschrieben wird. Fohrbeck spricht nicht einfach, er „pointiert“ über „Kollateralschäden“ ihres Berufes und zeigt sich gar ihres „völlig ungetrübten Sendungsbewusstseins“ verblüfft. Da zeigt sich erstens, dass Dialoge nicht die Stärke Schneiders sind, und zweitens, dass er selbst über einiges Sendungsbewusstsein verfügt.

Desweiteren ist da die SPD-Kommunalpolitikerin, die gemobbt wird und zusehen muss, wie das Geld von den armen Kommunen doch nur wieder in die Hände der Reichen fließt. Da ist die doppelbelastete Altenpflegerin mit arbeitslosem Ehemann und drei Kindern, schlecht bezahlt, schlecht behandelt von der Gesellschaft wie von der eigenen Familie. Da ist der Finanzmarktzocker sowie der Nach-Bologna­reform von Prüfungsangst gepeinigte Student, und schließlich ist da Professor Fohrbeck selbst, der Intellektuelle, der für seine Thesen zum „Zeitwohlstand“ von den Wirtschaftswissenschaftlern an der Uni angezickt wird.

Der Zeitverlust des modernen Menschen trotz oder gerade wegen technologischer Innovation, das Effizienz­streben in allen Bereichen der Gesellschaft, die Habgier und das Yuppietum seit den 80er-Jahren als Menschheitsgeißel, Schneiders Roman ist vor allem eine groß angelegte Abrechnung mit dem Neoliberalismus. In Romanform gegossen täte hier ein Funken Empathie mit den Protagonisten ziemlich gut, doch das ist Schneiders Sache nicht, wie es sich exemplarisch im Verhältnis zu seinem Stiefsohn Andreas zeigt, dem Gierigen, der sich für scheinbar sichere Investments zu Zeiten der New Economy verschuldet, und ganz bitter auf die Nase fällt. „Auch mein skeptischer Verweis auf die nach wie vor bestehende Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Systems, in Sonderheit seines aufgeblähten Finanzsektors, bekümmerte Andreas nicht im Geringsten.“ Der Leser zumindest kann ihm das nicht wirklich verdenken. Sympathie gibt es für diesen jungen Mann vom Autor erst nach der Läuterung, nach Privatinsolvenz, dem Eingeständnis des falschen Weges, der Hinwendung zur Kleinfamilie und dem Zeitwohlstandsaktiva der Kindererziehung.

Was tun gegen all die neoliberalistischen Verwerfungen, die Fohrbeck/Schneider in allen Lebensbereichen beklagt? Wir würden die Alternativen kennen, wüssten von der anderen Politik, wenn denn die Medien nur darüber berichten würden, schreibt Schneider und macht es sich als Anhänger des globalisierungskritischen Attac-Netzwerkes auch damit gerne viel zu leicht.

Ein paar Selfies sind noch kein Zeichen für Selbstverliebtheit

Persönlich befindet sich Fohrbeck in einer klassisch freudschen Therapie, bei der sich alles mit der Beziehung zur Mutter erklären lässt, wonach die Therapeutin durchgehend eine moderne Form des Ablasshandels betreibt und Absolution erteilt, wo immer es um die Frage von Versagen, Versäumnissen oder Schuldgefühlen geht. Fohrbeck bezeichnet sich selbst mit aller schmeichelnden Koketterie als „Kultur-Dino“, und das ist leider viel zutreffender als Schneider das wohl selbst gemeint hat. Facebook-, Handy-, Digitalisierungskritik, das alles ist bekannt und anderenorts auch schon sehr viel knackiger zu Papier gebracht. Man möchte sie ja mögen, die alten Grantler, die in ihrer ideologisch klar definierten Welt mit voller Verve um ihre Ideale kämpfen durften und noch so richtig links sein konnten, bevor das alles so ermüdend kompliziert geworden ist. Man möchte ihnen ja durchaus zustimmen, dass da einiges gehörig falsch gelaufen ist. Doch dafür müssten sie selbst ein wenig weltoffener, ein wenig weniger selbstgerecht auftreten. Der heutigen Jugend wegen ein paar Selfies ihre Selbstverliebtheit vorzuwerfen, läuft bei so viel „Hab ich es Euch nicht immer gesagt“-Attitüde komplett ins Aus. Schade eigentlich.

Michael Schneider: Ein zweites Leben, Kiepenheuer&Witsch, 560 Seiten, 24,99 Euro