Musik

„Wir leben jetzt unsere Träume“

Sängerin Linda Hesse aus Halberstadt lebt heute in Berlin. Sie genießt es, zur ersten Einheitsgeneration zu gehören

Mit ihrem dritten Album „Sonnenkind“ ist Linda Hesse aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt gerade so hoch (Platz 15) in die deutschen Charts eingestiegen wie nie zuvor. Offensichtlich gibt es ein immer größeres Publikum für Hesses Mix aus gut produziertem Pop und insgesamt eher schlagerhaften, aber für das Genre auch nicht zu naiven Texten. Wir unterhielten uns mit der 29-jährigen Wahlberlinerin.

Frau Hesse, Sie kommen aus Sachsen-Anhalt, dem sogenannten Land der Frühaufsteher. Wann sind Sie denn heute aus dem Bett gekommen?

Linda Hesse: Früh! Sehr früh sogar. Ich wohne in Tiergarten und habe um kurz nach 6 Uhr ein kleines Jogging-Ründchen an der Spree gedreht. Ich mag es, wenn die Stadt noch frisch und leer ist und man den Tag noch komplett vor sich hat. Ich liebe es, im Sommer draußen zu sitzen und Sachen zu machen und komme dann auch locker mit sechs Stunden Schlaf pro Nacht aus. Aber ich habe auch im Winter nur selten schlechte Laune. Ich bin eine Frohnatur und habe im Großen und Ganzen ein sonniges Gemüt. Selbst ein Song wie „Nach dem Regen“ vom neuen Album ist von der Grundbotschaft her positiv.

Obwohl es ein Trennungssong ist?

Ja, man rappelt sich halt irgendwann wieder auf. Die ersten Tage nach einer Trennung sind grau, und die Erkenntnis, dass es der andere auch ohne dich schafft, die ist sogar richtig beschissen. Aber auch wenn es wehtut – das Leben geht weiter. Ein Sonnenkind baut sich wieder auf und sieht nach vorne.

Kennen Sie solche Enttäuschungen aus eigener Erfahrung?

Aber klar, ich bin 29 Jahre alt. Trennen ist immer doof, man gewöhnt sich ja auch aneinander, aber wenn es nicht klappt, dann muss man das akzeptieren. Und auch für solche Situationen habe ich eine Lösung auf dem Album: „Unser Lied“. Das handelt davon, dass man, was immer auch passiert, für immer gemeinsame Erinnerungen hat, die schön sind.

Welches Lied ist „Unser Lied“ für Sie?

„Never Forget“ von Take That. Das war unser Abi-Song, Abi 2006. Der lief immer in der Disco, also in der einzigen Disco in der Nähe von Halberstadt. Dienstags in den Ferien war da richtig was los, alle haben die Arme hochgerissen, und „Never Forget“. Im Oktober haben wir zehnjähriges Abi-Jubiläum. Ich freue mich schon.

„Immer für Immer“ ist eine Hymne auf die Freundschaft, richtig?

Oh ja. Manche denken, es geht um eine Beziehung, aber eigentlich geht es wirklich um eine meiner besten Freundinnen. Sie ist vor drei Jahren nach San Francisco gezogen und arbeitet da jetzt und pendelt. Immer, wenn ich sie in Berlin vom Flughafen abhole, ist das ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Einfach so wie immer. Da hat man diese Fast-30-Jährige vor sich und denkt nur „Neeever Forget“.

Sie haben nach dem Abitur in München ein Praktikum bei der Krimiserie „SOKO 5113“ gemacht, sind danach in die Mädchenband Wir3 eingestiegen und konnten 2012 mit „Ich bin doch kein Mann“ ihren ersten Hit landen. War Ihnen schon zu „Never Forget“-Zeiten klar, dass Sie mal beruflich singen würden?

Ja, auf jeden Fall. Ich war vier oder fünf, als ich zu meinen Eltern sagte: „Ich will Sängerin werden.“ Und natürlich war mir auch bewusst, dass das nicht einfach wird. Ich weiß noch, wie ich mit der Freundin aus San Francisco zusammensaß, wir uns von unseren Träumen erzählten und meinten „Mensch, wir sind aus Halberstadt, ist das denn wirklich realistisch?“ Heute weiß ich: Ja, ist es. Man weiß nie, wo das Leben einen hinführt, und ein bisschen Glück gehört wohl auch dazu. Wir sind die erste Einheitsgeneration, uns steht die Welt offen. Wir hatten unsere Träume, und wir leben sie jetzt.

Sie werden in der Regel als Schlagersängerin bezeichnet. Wo ist denn die Grenze zwischen „Schlager“, „Alternativem Schlager“ und „Neuer Deutscher Popmusik“? Wo ist der Unterschied zwischen einem Joris, einer Band wie Glasperlenspiel, einem Andreas Bourani und einer Linda Hesse?

Keine Ahnung, echt nicht. Wir alle machen moderne deutsche Popmusik. Schlager war früher echt angestaubt und hörte sich immer so an, als ob er aus der Dose käme, aber das ist ja schon lange nicht mehr. Bei mir entstehen die Songs wie bei den anderen auch: Man setzt sich hin, nimmt sich eine Gitarre und spielt drauf los.

Der Produzent von „Sonnenkind“, Ingo Politz, hat Silbermond produziert, ihre Musik klingt insgesamt eher nach Pop, amerikanischem Folk und Country.

Auf den ersten zwei Alben hat ja auch der Schlagzeuger von Jan Delay gespielt, und Ingo Politz hätte den Job bestimmt nicht gemacht, wenn er nicht das Gefühl gehabt hätte, ich mache etwas Interessantes und Eigenes.

Also sehen Sie sich eher in der Ecke von Silbermond oder Mark Forster als in der von Vanessa Mai und Helene Fischer?

Ich sehe mich eigentlich in überhaupt keiner Ecke. Ich würde eher sagen, ich bin in Berlin Teil eines Schmelztiegels junger Musiker. Ich mache zum Beispiel Sport zusammen mit Elif und Leslie Clio, wir teilen uns eine Trainerin und veranstalten manchmal kleine Bootcamps zusammen. Da gibt es kein „Ich mache Schlager“- und „Ich mache aber Pop“-Gezicke. Wir haben alle die gleiche Leidenschaft.