Kultur

Verloren in Berlin

Verzweifelte Frauen: Das ZDF startet mit „Töchter“ seine vierteilige Reihe „Shooting Stars“

Die Kamera bleibt nah bei Corinna Kirchhoff, die in diesem Fernsehfilm so überzeugend ihre eigene Geduld und die der Zuschauer strapaziert. Sie raucht. Sie weint. Sie hockt spröde und passiv-aggressiv am Bartresen. Sie lenkt ihren großformatigen Mietwagen durch die Straßen der Stadt, und sie sieht dabei so aus, als würde sie am liebsten sofort aus dieser Stadt verschwinden. Ihre Wege haben kein wirkliches Ziel.

Aber sie ist auf der Suche, ihre Tochter Lydia wird seit Längerem vermisst. Und so ist die von Kirchhoff dargestellte Leidensfigur Agnes die verzweifeltste Mutter, die man sich vorstellen kann; eine Lehrerin, die aus Hessen in die Hauptstadt gereist ist, weil dort ein totes Mädchen gefunden worden ist. Das Mädchen ist nicht die Tochter, hatte aber den Personalausweis von Lydia bei sich. Krasse Szene gleich zu Anfang: Wie in der Pathologie die Tote aus dem Kühlfach geholt und auf eine andere Ablagefläche gehievt wird. Man sieht ihr Intimstes. Danach hört man Bohrgeräusche.

Der Film feierte auf der Berlinale 2014 Premiere

Maria Speths Film „Töchter“ feierte 2014 im Forum der Berlinale Premiere. Jetzt ist er innerhalb der vierteiligen Reihe „Shooting Stars“ zu sehen, die derzeit im ZDF und auf ZDF Kultur zwei Mal ausgestrahlt wird. Zu sehen sind stark besetzte Arbeiten wie „Alki Alki“ mit Iris Berben.

„Töchter“ ist ein Film, der beharrlich bohrt, der Intimes freilegt, das aber nur vordergründig auf leise Art. Der Film ist eine knapp anderthalbstündige Psychostudie über das, was in einer Mutter-Tochter-Beziehung schiefgehen kann.

Wie anders als Grau in Grau kann in einem solch eindringlichem Porträt einer sich hilflos und deprimiert fühlenden Frau das Setting sein. Agnes bleibt in Berlin, um das aussichtslose Unterfangen anzugehen, ihre Tochter in der Großstadt zu finden. Es ist dann die Herumstreunerin Ines, deren zweifelhafte Bekanntschaft Agnes macht; ein impertinentes, übergriffiges Mädchen, das Agnes beinah über den Haufen fährt. Ines, die von Kathleen Morgeneyer gespielt wird, ist eine verdächtig-unsympathische Person, wie es sie so oft in Fernsehfilmen nicht gibt, eine Schmarotzerin und Oberschlaue, die Gratis­einschätzungen der gesellschaftlichen Gesamtlage und Statements der zu kurz Gekommenen bereithält. Ines weicht Agnes nicht mehr von der Seite. Sie nistet sich im Hotelzimmer ein, schwimmt nackt im Pool des vielsternigen Hauses, bestellt beim Room-Service, legt sich ins ungemachte Bett.

Und Agnes, die Unglückliche, schmeißt sie nicht raus. Lässt sich von Ines dumm von der Seite anmachen, überlässt ihr den Raum, den sie sonst für ihre Trauer reserviert hat. Auch das ein Grund, die Ines-Heimsuchung zu ertragen: die Leere zu füllen. Filmemacherin Maria Speth gehört zur „Berliner Schule“, die Form über Inhalt setzt und deren bekanntester Vertreter Christian Petzold („Die innere Sicherheit“, „Barbara“) ist. „Tochter“ ist Speths fünfte Regiearbeit, ein anspruchsvoller Film, der neben der Kernaussage lose Bedeutungsspuren auslegt. Am besten hat es im Film der Fuchs, der in einer frühen Einstellung den Müll durchwühlt und die Geschichte der urbanen Tier-Sichtungen in Roman und Film fortschreibt. Er wird, anders als die Menschen, heil aus Berlin herauskommen.

Shooting Stars „Töchter“ Mo 8.8., 0.30 Uhr, ZDF, Wdh 12.8., 20.15, ZDF Kultur. Innerhalb der Reihe laufen außerdem: „Alki Alki“, „Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss“ Fr 12.8., 22.30, ZDF, Wdh So 14.8., 20.15, ZDF Kultur