Kultur

Sprung in eine neue Dimension

„Tanz im August“ beginnt kommende Woche. Die Erwartungen sind groß. Nie zuvor verfügte das Festival über so viel Geld

Das Festival „Tanz im August“ beginnt in der kommenden Woche, es geht vom 13. August bis zum 4. September. Der Neugierige kann sich bereits durch das stattliche Programm-Magazin blättern, in dem Menschen in unglaublichen Posen zu sehen sind und nichts zu verstehen ist. Der zeitgenössische Tanz lebt vom Live-Erlebnis, von der Bewegung. Die Finnin Virve Sutinen leitet seit 2014 das Festival. Sie ist eine Leiterin, die gerne lacht. Auch auf die Frage, was sie denn einer guten Freundin am Telefon über ihr eigenes Festival erzählen würde. Was sind die geheimsten und spannendsten Dinge? Virve Sutinen will sich nicht aus der Reserve locken lassen. „Die Visionen machen das Festival aus“, sagt sie: „Wir haben sehr radikale Einzelkünstler bis hin zu großen Kompanien. Und alle präsentieren ihre begeisterungsfähigen Formate.“

Auf die Empfehlung von Lieblingskünstlern oder bestimmten Kompanien will sie sich partout nicht einlassen. Das sei, sagt sie, als habe man fünf Kinder und soll sein Lieblingskind benennen. Möglicherweise sind auch die Tänzer untereinander eifersüchtig. Als Künstler leben sie schließlich vom Vorzeigen ihrer Gefühle. Ihre Stücke würden Themen von Intimität, Kollektivität, Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausgrenzen berühren, sagt Virve Sutinen.

Rund 20.000 Tanzliebhaber werden erwartet

Jenseits aller Abstraktion ist das Festival mit Zahlen greifbar. In 65 Veranstaltungen an acht Veranstaltungsorten in Berlin werden 158 Künstler aus 14 Ländern insgesamt 26 Produktionen vorstellen. Rund 20.000 Tanzliebhaber werden bis zum 4. September erwartet. Tanz im August wird am 12. August mit Emanuel Gats neuer Choreografie „Sunny“, einer Kooperation mit zehn Tänzern und dem DJ, Performer und Tänzer Awir Leon im Hau1 eröffnet. Nicht zu vergessen, neben all den Uraufführungen, Europa- und Deutschland-Premieren sind fünf Partys beim Festival angekündigt. Virve Sutinen favorisiert das Miteinander von Künstlern und Publikum. Gesprächsformate sind Teil des Konzepts.

Der Tanz im August ist ein alteingesessenes Festival. 1988 gegründet, wurde es von Nele Hertling, der Grand Dame der Berliner Tanzszene und früheren Intendantin des Hebbel-Theaters, 1999 zum internationalen Festival ausgebaut. Inzwischen, sagt Virve Sutinen, hätte sich die Situation noch einmal grundlegend verändert. „Längst kommen Tänzer von überallher, um in Berlin zu leben und zu arbeiten“, sagt sie. Beim Festival sind viele Akteure der lokalen Berliner Tanzszene anzutreffen, die weltläufiger kaum sein können, darunter Meg Stuart, Wang Ramirez, Kat Valastur und Eszter Salamon.

Berlin habe im Tanz fantastische Dinge anzubieten, es sei gut für die Reputation der Stadt. „Berlin ist nicht nur die deutsche Hauptstadt des Tanzes“, so Virve Sutinen, „sondern die führende Metropole in der Welt.“ Die Festivalchefin glaubt, dass die Berliner Kulturpolitik die Bedeutung längst erkannt hat. Das ermisst sie wohl auch daran, dass der Etat des Festivals von 200.000 Euro (2015) von dem Hauptstadtkulturfonds und der Kulturförderung auf 600.000 Euro (2016 und 2017) erhöht wurde.

Rund 3000 professionelle Tänzer sollen in Berlin leben. „Es gibt mehr Tänzer, als es Jobs gibt“, stellt Virve Sutinen fest. „Deshalb sind auch Festivals so wichtig, die das Publikum generieren.“ In den vergangenen 30 Jahren habe sich vieles verändert, sagt sie. Tänzer haben eine ganz neue Professionalität erlangt, sei es im Ballett oder im Hip-Hop. „Tänzer interessieren sich heute auch für den Zirkus und das Artistische. Es hat sich ein neuer Typus Tänzer entwickelt.“

Es sei ein harter Beruf, so Virve Sutinen, man müsse sehr diszipliniert sein. „Früher war der Kreis auch viel kleiner, es waren überwiegend junge Damen, die mehr oder weniger vom klassischen Tanz kamen. Heute kommen die Tänzer aus den verschiedensten Sparten bis hin zum Streetdance. Sicherlich ist der zeitgenössische Tanz auch etwas aggressiver, lauter geworden.“ Die Compagnie Wang Ramirez, die im Hip-Hop verwurzelt ist, zeigt jetzt ihr Stück „Everyness“. Und der australische Hip-Hop-Künstler Nick Power führt in den Sophiensälen Breakdance-Momente vor.

Es sei heute in der Tanzszene viel mehr erlaubt, sagt Virve Sutinen. „Es gibt keine Tabus mehr. Es gibt heute viele ältere Tänzer, es gibt Tänzer mit Behinderungen.“ Sie verweist beispielhaft auf die ungarische Choreografin, Tänzerin und Performerin Eszter Salamon, die bereits in den 80ern ist. Möglicherweise werden künftig Tänzerinnen wie bisher die Opern­diven ihr genaues Alter nicht mehr nennen wollen.

Virve Sutinen hatte in Helsinki Literatur- und Theaterwissenschaft sowie Soziologie studiert. 1994 machte sie ihren Abschluss am Performance Studies Department der New York University. Sie gründete und leitete Festivals und war von 2008 bis 2013 Leiterin des Dansens Hus Stockholm. Den Tanz im August prägt sie seit 2014. Sie ist eine Leiterin, die mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt. Sie habe gar keinen Führerschein, sagt sie.

Das Festival wird sie bis 2017 leiten, und eigentlich möchte sie gerne in Berlin bleiben. Berlin gefällt ihr, und den anfänglichen Kulturschock nimmt sie mit Humor. „Ich kam ja aus Stockholm, bin aber keine Schwedin. Wir Finnen gelten als sehr geradeaus, sehr schnell, und wir haben keine Angst vor Konflikten.“ Bei den Schweden sei es anders, sie gehen Konflikten lieber aus dem Weg. Es sei eher eine Verhandlungskultur. „Als ich nach Deutschland kam, war ich überrascht, wie aus­geprägt das hierarchische Denken ist“, sagt sie, lacht und verweist sofort das Positive: „Jedenfalls hat man großen Respekt vor seiner künstlerischen Leiterin.“