Kultur

Clemens Meyers Helden der Literatur

Der Leipziger Autor hat 2015 in Frankfurt vier Vorlesungen über Poetik gehalten. Nun erscheinen die Texte als Buch

Was ist Literatur? Darauf suchen Poetikvorlesungen in der Regel Antworten. Oder auf die Frage: Was passiert im Kulturbetrieb? Etwas abgestanden klingt das schon: Betrieb. Bei Clemens Meyer heißt es denn auch GmbH, sogar: „Äkschn GmbH“. Der Autor hat sich auf den Versuch einer Poetologie eingelassen. Vier Texte, die er im Sommer 2015 an der Goethe-Universität in Frankfurt las, erscheinen nun als Buch: „Der Untergang der Äkschn GmbH“.

Groß sind die Fußstapfen, in die der Leipziger tritt: Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Christa Wolf, Heinrich Böll – die Liste der Frankfurter Poetikdozenten ist zugleich der unstrittige Kanon der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Fast zwei Meter groß, die großflächigen Tattoos unter schwarzem Hemd und Sakko versteckt, steht Meyer bei seiner Antrittsvorlesung am Pult. In der Öffentlichkeit kennt man den damals 37-Jährigen eher als Haudrauf denn als zurückhaltenden Romancier. Nach dem Abitur arbeitet er mal als Bauhelfer oder Straßenbahnkontrolleur, als Möbelträger oder Wachmann. Im Jugendarrest hat er auch gesessen. „Man hat eben wild gelebt so zwischen 15 und 20“, sagt er einmal. Nach dem Studium am Leipziger Literaturinstitut verarbeitet er seine persönlichen Erfahrungen als Jugendlicher in den Nachwendejahren im Debüt „Als wir träumten“. Meyers Texte entstehen offenbar aus seiner Biografie. Für seinen Kurzgeschichtenband „Die Nacht, die Lichter“ erhält er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Die Vorlesungen sind auf den ersten Blick gar keine Abhandlung über Poetik. Sie nehmen niemanden an die Hand. Assoziation reiht sich an Assoziation. „The number eins of all the wonderful writing ladies: BRIGITTE REIMANN!!!“, heißt es etwa einmal. Drei Ausrufezeichen. „Aber wenn ich sie lese, die Franziska Linkerhand, bin ich nur sprachlos.“ Zurückhaltend ist Meyer nie. Oberflächlich betrachtet setzt er seine Götzen zu einer Collage der Moderne zusammen: Wolfgang Hilbig, Ronald M. Schernikau, Uwe Johnson, Ernest Hemingway, Karl May. Darunter aber öffnet sich doch ein poetologischer Spalt.

Meyer zeigt: Seine Literatur entsteht nicht in der Abgeschiedenheit. Ob Beate Zschäpe, die vielleicht wie viele DDR-Kinder „Alfons Zitterbacke“ las, oder Helmut Kohl, ob Bertolt Brecht oder der Softporno „Die Stoßburg“ – sein Schreiben gebiert sich aus Einflüssen von draußen: aus Erfahrungen, Geschichten, Träumen.

Meyers Welt ist zerklüftet. Die Metapher wird bei ihm zum Querverweis, manchmal zum beliebigen. Die literarischen Bilder, die er in seinen Vorlesungen aufwirft, vollends zu greifen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Doch das muss wohl so sein: Meyers Zeitgeist in der Abgesang auf eine bisher bekannte Ordnung.