Admiralspalast

Weltpremiere von "Shadowland" entführt in ein Märchenreich

Die US-Tanzkompanie Pilobolus entführt im Admiralspalast mit ihrer Show „Shadowland 2“ in ein Märchenreich.

Auf Traumreise in Rom: Die Tänzer des Pilobolus-Ensembles formen die verblüffenden Szenen mit ihren Körpern

Auf Traumreise in Rom: Die Tänzer des Pilobolus-Ensembles formen die verblüffenden Szenen mit ihren Körpern

Foto: Beowulf Sheehan

Alles nur wegen Kiste 06794. Weil die nicht still und stumm sein und sich nicht fügen will so wie die anderen. Nein, nur weil die Kiste 06794 rumpelt und rattert, bis Fess (Shawn Fitzgerald Ahern) seine Arbeit in der Lagerhalle unterbricht und sich ihr langsam nähert. Dabei wurde er extra gewarnt, niemals, unter gar keinen Umständen!, in die Kiste zu gucken. Macht er dann natürlich doch. Als er den Deckel abnimmt und hinein lugt, um zu sehen, was in der Kiste für das merkwürdige Eigenleben sorgt, da sieht er eine andere Welt, zumindest einen Teil davon.

Es ist ein bisschen wie Alices Reise ins Wunderland, die dann folgt. Nur eben nicht durch ein Erdloch auf der Jagd nach dem weißen Kaninchen. Sondern durch den Kistenboden auf der Jagd nach einem Vogelmädchen. Denn die zwitschert auf dem Grund der Kiste und reißt Fess und seine Freundin hinein in ein Abenteuer, das nicht nur ihre Realität zerbersten lässt, sondern vor allem die der Zuschauer. All das ­geschieht nämlich nicht in einem ­Hollywood-Blockbuster. Es braucht nur einen Scheinwerfer und eine Leinwand, um diese Welt entstehen zu lassen.

Mit Licht und Schatten formen neun Tänzer und Tänzerinnen Szene um Szene der Show „Shadowland 2“, die am Donnerstagabend Weltpremiere im Admiralspalast hatte. Von Berlin aus zieht die Tanzkompanie Pilobolus mit ihrem Schattentheater weiter um den Globus.

Das macht das US-amerikanische Ensemble aus Connecticut nun zum zweiten Mal. Es ist die Nachfolge der ersten Show vor fünf Jahren, mit der Pilobolus ebenfalls auf Welttournee ging. Über eine Million Menschen sahen, was die Darsteller mit ihren Körpern anstellen. Wie sie poetisch-akrobatisch durch die Luft und über die Leinwand wirbeln. Und dass man weder Worte noch Erklärungen braucht, um ihnen folgen zu können in diesem Mix aus Theater, Tanz und Stummfilm. So ist es auch dieses Mal.

Das Vogelmädchen schlüpft aus einem großen Ei

Statt eines Teenager-Mädchens, das auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden in Traumwelten rutscht und sich dort teilweise in einen Hund verwandelt, gibt es nun ein neues Fabelwesen, mit dem man durch Fantasiewelten fliegt. Die Beine sind klar die einer Frau, doch der Rumpf steckt in einem Federkleid, der Kopf ist bloß Schnabel und große Augen. Gleich zu Beginn sieht man, wie das Vogelmädchen (Sayer Mansfield) aus einem großen Ei schlüpft. Klar, aus dem Schatten des Eies. Denn dort, in dieser Savannenwelt, beginnt das Shadowland. Ein Ort, der in unseren Köpfen entsteht und mit der Realität wenig gemein hat.

Pilobolus spielt hier mit mehreren Ebenen. Taucht man aus der Welt des Vogelmädchens auf, fährt die Leinwand auf der Bühne hoch und das Schattentheater wird zu Tanz, zu Schauspiel. So sieht man auch, wie die Schattenwesen entstehen. Dass ein Unterarm zum Vogelhals wird, die Hand zum Schnabel. Erschreckend simpel ist das manchmal. Genau das scheint Ziel der Tanzkompanie: die Zuschauer aufzufordern, endlich die Augen aufzuschlagen für das, was sich in den Schatten unserer Welt abspielt.

Das müssen auch die Protagonisten des Stücks, Fess und seine Arbeitskollegen, lernen. Die gehen einer stupiden Arbeit in einem Lagerhaus nach, irgendwann in der näheren Zukunft, stapeln unter Aufsicht eines fiesen Chefs eben den ganzen Tag Kisten. Bis diese eine, Nummer 06794, die mit dem Vogelmädchen, nicht mehr mitmachen will. Kaum haben Fess und seine blonde Freundin (Jordan Kriston) das Fabelwesen entdeckt, tauchen sie ab in die Schattenwelt.

Sie fliegen sogar in die Zukunft. Mit einem Heißluftballon durch den pinken Abendhimmel nach Paris, zum Heiraten nach Rom. Die Hände und Füße der anderen Tänzer formen ihre Lebenswelt, ballen sich zu Eifelturm und Häusern, Tischen, Stühlen, Restaurants. Was alles aus den menschlichen Schatten entstehen kann, das muss verblüffen. Immer wieder gibt es dafür Szenenapplaus. Doch die Zukunftsreise entpuppt sich als Traum. Die Leinwand verschwindet und mit ihr die Traumwelt. Kaum hat der Boss entdeckt, dass die beiden hinter das Geheimnis der Kartons gekommen sind, spritzt er ihnen Gift, das sie zu willenlosen Sklaven seiner Firma macht. Doch die Liebe der beiden ist stärker. Die anderen Tänzer heben sie hoch, und die Liebenden schweben in Zeitlupe aufeinander zu, bis sich ihre Fingerspitzen berühren.

Den Tänzern gelingen poetische Figuren

Shawn Fitzgerald Ahern und Jordan Kriston schaffen hier wunderbar poetische Figuren. Auch ohne Schattenwand, ganz in echt, berühren kraftvolle Tanzszenen wie diese. Das Paar kann sich, so viel darf wohl verraten werden, schlussendlich befreien und das Vogelmädchen gleich mit. Auf einer Rakete fliegen sie in dessen Heimat, danach geht es um die ganze Welt, auch nach Berlin.

Wie schon in der ersten Inszenierung schafft es Pilobolus wieder über die bloße Darstellung schöner Schattenkörper hinaus. Doch der Kampf zwischen Gut und Böse mit Happy End für die Liebe – übrigens aus der Feder des SpongeBob-Autors Steven Banks – gerät auf den ersten Blick etwas plakativ, ja kitschig. Man muss es wohl als Metapher deuten. Das Vogelmädchen in der Kiste erweist sich dann als poetische Anspielung auf die Freiheit. Die ist doch in unserer modernen Welt der Selbstoptimierung immer mehr eingeschränkt. Wir sollten mal wieder den Deckel öffnen und die Fantasie rauslassen, sagt das Stück.

„Shadowland 2“. Admiralspalast, Friedrichstr. 101. Letzte Termine: 30.07. 15 und 20 Uhr, 31.07. um 14 und 19 Uhr.