Kultur

Diabolische Musik: Tess Gerritsens „Totenlied“

Als Julia Ansdell die ersten Töne des Walzers auf ihrer Geige spielt, ist sie von dessen Schönheit bezaubert. Auf der Suche nach einem Mitbringsel von ihrer Italienreise war die Musikerin in einem Antiquitätenladen auf das alte Notenbüchlein gestoßen, aus dem ein handgeschriebenes Blatt mit eben diesem Walzer gefallen war. Zurück in Boston wird ihre Freude über den Fund jedoch jäh getrübt, denn plötzlich geschehen unerklärliche Dinge. Mit „Totenlied“ hat die amerikanische Bestsellerautorin Tess Gerritsen (63) einen Thriller vorgelegt, der gewohnte Bahnen verlässt.

Was hat es mit dem Walzer auf sich? Julia bemerkt verstört, dass er scheinbar jedes Mal, wenn sie ihn spielt, ihre dreijährige Tochter beeinflusst. Zudem gewinnt das Musikstück zunehmend an Rasanz, die für die Geigerin kaum mehr zu beherrschen ist. Für sie steht fest: Von dem Musikstück geht etwas Gefährliches aus. Doch niemand will ihr glauben. Dass sich vor allem ihre kleine Tochter unter dem Einfluss der Musik so zu verändern scheint, wird für Julia zum Albtraum. Und auch, dass eine immer größer werdende Distanz zu dem Mädchen entsteht.

Weil es ihr nicht gelingt, das Notenblatt mit dem Titel „Incendio“ (Feuer) eines unbekannten Komponisten zu vernichten, will die Geigerin seinen Ursprung ergründen. Sie kehrt deshalb nach Italien zurück, wo ihre Suche sie schließlich nach Venedig führt. Und hier überschlagen sich die Ereignisse. Julia wird in einen lebensbedrohlichen Strudel gezogen. Parallel dazu beschreibt Gerritsen den Werdegang des Venezianers Lorenzo auf einer anderen Zeitebene. Obwohl klar ist, dass beide Erzählstränge irgendwann zusammengeführt werden, verblüfft das Buch mit einer Verschmelzung von Gegenwart und Vergangenheit. Obwohl auch Italiens schwarzes Kapitel weitgehend bekannt ist, erweitert die Geschichte mit authentischen Orten und Geschehnissen den geschichtlichen Horizont des Lesers, dem deshalb auch unbedingt das Nachwort empfohlen wird.

Es ist ein fesselnder und zugleich mahnender Roman, den die Amerikanerin mit viel Feingefühl geschrieben hat. Die Idee zu diesem Roman bescherte der in Neuengland lebenden Schriftstellerin übrigens ein Albtraum, als sie zu ihrem 60. Geburtstag in Venedig weilte. Beim Schreiben kam ihr dann wieder einmal das Wissen als früher praktizierende Ärztin zugute – wie auch in ihrer erfolgreichen und durchs Fernsehen bekannten Krimi-Reihe „Rizzoli & Isles“. Bei diesem Krimiplot hilft sicher auch ihre musikalische Ausbildung. Denn Tess Gerritsen spielt selbst Violine und hat den Walzer, der diesem Stand-Alone zugrunde liegt, selbst komponiert. Inzwischen haben sich die Bücher der vielseitigen Autorin weltweit über 40 Millionen Mal verkauft.